Sie sind Mitte 40 bis Mitte 50, sie arbeiten in kleinen, handwerklichen Betrieben. Es gibt viele davon, der Konkurrenzdruck ist hoch, das Geschäftsfeld ist nicht allzu profitabel, sie schlagen sich mit Gelegenheitsjobs durch. Sie nehmen jede Arbeit an, die sie halbwegs beherrschen, und wenn sie das nicht tun, hoffen sie dennoch, dass am Ende bezahlt und nicht moniert wird. Die Kunden kennen sich zum Glück oft nicht besonders gut aus, und andere Handwerker machen auch keinen besseren Pfusch. Das ist nicht gerade eine sichere Existenz, es fehlt an Verlässlichkeiten, und dann nähert sich auch noch das Alter, man will ja auch irgendwann einmal in Rente gehen. Nach 10, 15 Jahren können einem schon auch mal Zweifel kommen, ob das alles noch gut ausgehen wird, und am Ende jemand einen grossen Scheck für die Firma ausstellt. Zumal so viele junge, ungelernte Handwerker auftauchen, die das alles auch anbieten, aber auch für weniger Geld.

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Kein Wunder also, dass diese mittelalten Menschen neben all dem Fortschritt auch ein wenig Sicherheit wollen. Die Sicherheit, dass sie nicht das Falsche tun, dass ihr Handwerk Zukunft hat, dass sie nicht als Nostalgiker Illusionen und Träumen nachhängen, und dass man sie noch lange brauchen wird. Weil sie recht haben. Weil ihre Sicht der Welt stimmt. Und weil sie in ihrem kleinen Büro gern den Eindruck haben möchten, dass sie gewollt werden. Automechaniker lassen sich gern von Pirellimädchen anschauen, aber so etwas gibt es in diesem Handwerk leider nicht, und schon gar nicht für etwas in die Jahre gekommene Herrschaften. Also bestätigen sie sich selbst, dass ihr Weg der einzig Richtige ist, und wer da anderer Meinung ist, darf sich anhören, er sei ein

das wird jetzt lustig, weil es ausgerechnet von alten, starrsinnigen Männern kommt,

Nostalgiker, Dinosaurier, realitätsfern, vorgestrig, altbacken, auf der falschen Spur, ahnungslos, wisse nicht, was die Zukunft bringt, ignoriert die Realitäten und das Leben der modernen Menschen, die längst digitalnativ sind, werde demnächst vom Markt gewischt und bald vergessen sein, niemand brauche das mehr. “Sollte sich gleich zum schlafen hinlegen und am besten gar nicht mehr aufwachen” hört man dagegen nicht mehr, das schrieb einmal eine New Economy Chefin, die dann bald ihre Klitsche vor die Wand setzte. Aber ansonsten wiederholt sich gerade das gesamte Vokabular jener ersten digitalen Epoche, das damals gegen die alten Industrien gesetzt wurde, von Seiten dieser alten, frustrierten und verunsicherten Handwerker.

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Denn diese alten Handwerker schrauben keine Räder und wühlen nicht in Abwasserrohren. Diese alten Handwerker machen seit 5, 10, 15 Jahren irgendwas mit Neuen Medien und im Nebenberuf Medienkritik an den alten Medien. Viele waren zwischenzeitlich auch mal in der New Economy, aber das Absacken der Verkaufszahlen von Tageszeitungen begleitete sie verlässlich beim Aufstieg und in jenen Tagen, da sie sich keine Zeitung mehr leisten konnten. PR-Arbeiter, Medienprofessoren, öffentlich-rechtliche Unterkommer und Buchautoren konnten darauf wetten, dass die Verkäufe zurückgingen. So mies, dass sie sich nicht an dieser ehernen Wahrheit festhalten konnten, ging es ihnen nie. Und weil sie damit schon immer recht hatten, haben sie sich auch viele Begriffe zurechtgelegt, mit denen sie diese grandiose Wahrheit immer und immer wieder plakativ vermitteln. Und natürlich auch ihre wohlfeile Zukunftsvision, in der ihre Neuen Medien den Endsieg über das gedruckte Papier davon getragen haben.

Weil es viele andere mittalalte Handwerker gibt, die auch nicht gerade auf Rosen gebettet sind, sich aber gerne überlegen fühlen würden, kommen solche Parolen gut an. Wer den härtesten Vergleich bringt, die schärfste Pointe, den schrägsten Bezug, bekommt auch die meiste Aufmerksamkeit. Hört hört, sagen dann die anderen Handwerker, der gibt es aber den Niedergehenden! Der macht ihnen klar, dass sie sterben und wir die Zukunft sind! Das ist sehr richtig, und wir sind sicher, dass wir dann unsere Angestellten und uns selbst nicht mehr über Hartz IV in Berlin cofinanzieren! Die Zukunft ist golden, all die Jahre der Entbehrung waren nicht umsonst, wenn wir deren Erbe antreten! Gerne, allzu gerne werden bei solchen Handwerkerversammlungen dann auch einzelne Gegner vorgestellt, die als Inbegriff des verstockten Systems herhalten müssen. Da ist sie, die begehrte Konstante im Leben. Früher glaubte man an den Neuen Markt, jetzt soll der Niedergang der Tageszeitung der Humus für neue Geschäftsmodelle werden.

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Für diese alten Handwerker ist es ein Fest, wenn dann ein Medium in ihre verräucherte Kneipe mit Spucknapf kommt, und sie ernst nimmt. Und sie bittet, doch auch mal der Welt da draussen ein paar Worte zu sagen. Das nennt sich dann Debatte um die Zukunft der Tageszeitungen, wird aber von den Handwerkern vor allem genutzt, um noch einmal zu betonen, dass sie schon länger die Auflagenstatistik kennen, stets die Katastrophe kommen sahen, genau wissen, dass es so nicht geht und daher auf dem Gebiet als Experten gelten können. Tageszeitungen waren einmal und das geht heute so nicht mehr und das wird sich radikal in Richtung Digital ändern müssen. Einfach wird das nicht, sagen sie, sondern schwierig und brutal, auf allen Ebenen, sie wissen voll Bescheid, sie kennen sich da aus. Sie sind Spezialisten für einfache und griffige Lösungen, sie haben das schon zig Mal in ihre Blogs geschrieben. Der Spiegel hat gerade ein paar Prachtexemplare dazu eingeladen, es den strauchelnden Tageszeitungen nochmal richtig zu geben.

Und dort muss ein gewisser Jeff Jarvis in seiner Rolle als US-Medienapokalyptiker nicht darüber reden, dass er in seiner anderen Rolle als Propagandist gegen den Datenschutz nach dem NSA-Skandal ganz offensichtlich nicht die Problematik seines Tuns verstanden hat, und heute etwas verbrannt ist. Ein gewisser Christian Jakubetz muss nicht über das Scheitern eines Buchprojektes reden, das die Crowd nicht finanzieren wollte, Ein gewisser Mario Sixtus muss nicht ausführen, dass er für seine im Quotennichts laufende Sendung öffentlich-rechtliche Zwangsgebühren nimmt, und wie die Natur der Teilzeitjobs ist, die er mit seiner Firma in Berlin anbietet. Ein gewisser Thomas Knüwer muss nicht weiter ausführen, wie gross der Impact seiner für Firmen gestrickten Multichannelkampagnen ist. Niemand ist gezwungen, eigene Beispiele für herausragende Leistungen an der Stelle zu zeigen, wo Tageszeitungen vermeintlich oder tatsächlich versagen. Es reicht beim Spiegel, ein griesgämiger Handwerker zu sein und sich mehr oder weniger insgeheim zu freuen, dass es den anderen endlich so richtig dreckig geht. Man hat es ihnen ja schon immer gesagt.

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Es würde übrigens auch keine Debatte werden, wenn man nach einer Buchprojektpleite im gleichen Handwerkerstil antwortete: “Du brauchst halt eine andere Crowd, und ein noch tolleres, fortschrittlicheres und internetaffineres Thema – dann wird das schon! Das klappt woanders auch! Auch Du musst das lernen, sonst wird das nie was!” Oder wenn man einen Gründer einfach als Versager auslachte, weil seine Firma nicht so recht laufen will. Oder wenn man solchen alten Handwerkern vorwirft, dass sie mit arroganter Selbstverständlichkeit voraussetzen, die Leser würden wissen, wer ein gewisser Säulenheiliger namens Shirky ist und was er ewig wahrhaftig gesagt haben soll. Es ist eine Debatte unter verängstigten, oft hart gebeutelten und mitunter schlecht verdienenden Leuten, die ihre besten Jahre hinter sich haben, ohne dass die gute Zeit gekommen wäre. Sie haben vermutlich auch gemerkt, für welche Brösel an Zuwendung Modefirmen, Tourismuskonzerne und Autoindustrie ganze Netzwerke von Bloggern schmieren, die dann zeigen, wie man die geforderten Experimente im angeblich siegreichen Internet brutalstmöglich zum eigenen Nutzen durchzieht: Für eine geliehene Handtasche gibt es Entzückensschreie auf dem Blog, für einen Urlaub wird vorher schon zugesagt, was alles geschrieben wird, und 30 Doller lassen sich auch bessere deutsche Blogger für das Veröffentlichen von Werbefilmchen zahlen, Empfehlungen werden gefälscht und Follower gekauft.

Auch das ist, wie bei den Tageszeitungen, ein belegbarer Trend nach unten. Das kann ebenso Zukunft sein, wie das Ende der ethisch mitunter auch nicht besseren, aber teureren Tageszeitung. Und es gibt genug alte Handwerker, die gerne beratend tätig werden, damit genau diese üble Zukunft so kommt, wenn nur die Bezahlung stimmt. Weit müsste der Spiegel da übrigens nicht nach peinlichen Beispielen suchen, da reicht Google, der Name einer hauseigenen Managerin und “Brause-WG”.

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Tageszéitungen verlieren in einem sich ändernden Markt erheblich an Auflage, haben die Probleme zu lange ignoriert, müssen schnell lernen, und selbst das garantiert nicht das Überleben – das hat sich inzwischen herumgesprochen. Aber was daraus zu folgen hat, sollte man nicht mit jenen besprechen, die selbst keine Lösung zu bieten haben, oder im schlimmsten Fall eine, gegen die ein paar insolvente Zeitungen das kleinere Übel sind. Welche Informationen braucht eine Gesellschaft? Wie macht man sie am besten zugänglich? Was muss und darf das kosten? Die Antworten werden kein Festessen, kein literarisches Fest, keine Stickerei, aber zum Glück auch keine Nörgelei unzufriedener, mittelalter Männer sein.

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