…dann gespiesst auf heisse Stangen…

Gewisse Dinge hinterfragt man als Kind nicht, sie sind halt so, wie sie sind. Dass meine Eltern ein schmiedeeisernes Gartentor anfertigen liessen, was halt so. Dass ihnen die glatte, schlichte Eisenkonstruktion der Treppe nicht zusagte, und sie eine neue in Schmiedeeisen einbauen liessen, war halt so. Dass die Fenster mit schmiedeeisernen Gittern in Richtung Nachbarn ein Zeichen setzten, war halt so. Die meisten grösseren Häuser des Westviertels hatten in den 70er Jahren derartige Gestaltungsmittel dem Besucher entgegengereckt. Man nahm das als gegeben hin, wie die Perserteppiche, die Kachelöfen und die stilistisch nicht immer passenden, enormen Glasflächen zu den Terrassen und Gärten.

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Jahrein Jahraus geht man an dieser sehr mitteleuropäischen Eisenkunst vorbei, die ihren Ausgang bei den Schlössern der Adligen nahm und sich dann lange bei den Bürgern einer grossen Beliebtheit erfreute, sei es nun weiss gestrichen, vergoldet, mit Blumen oder Drehungen, Wappen oder Löwen, Grotesken oder Kreisen. Die Handwerker hatten Jahrhunderte Zeit, Musterbücher anzulegen und Komplikationen zu erfinden, schier unerschöpflich ist das Spiel der Formen, wenn man es denn bezahlen kann. Das alles ist meist nicht ganz billig und sehr oft speziell angefertigt, aber so war das damals eben. Und so ein schmiedeeisernes Gartentor, das einen Einblick in die möglichst parkartigen Landschaften erlaubt, ist eigentlich auch freundlich und einladend, gerade, wenn die Pflanzen hinter den Mauern schon die Einblicke zugewuchert haben. Es erfüllt seinen Zweck: Geschlossen, weil es ein Tor ist, imposant, weil es mit viel Aufwand gefertigt wurde, und niedrig, weil es nicht abweisend sein sollte. Die Tore definierten dann auch die Höhe der Mauer, genau so hoch, dass die normal überernährte Katze aus dem Stand problemlos hinaufspringen kann.

So war das eben. Dass es aber heute nicht mehr so ist, fällt mir vor allem am Tegernsee auf, wo es wirklich noch so ist, und immer noch so gebaut wird. Da gibt es die Häuser mit traditionellen Bretterzäunen, oder eben die Häuser mit niedrigen Mauern und Schmiedeeisen. Was es aber noch gar nichts gibt, was hier wirklich fehlt und aufgrund der Bauvorschriften auch keinen Eingang findet, ist die neue Art der Abgrenzung, die heute als schick gilt: Hohe Eisengitterkonstruktionen, die mit Bruchsteinen verfüllt werden. Dazwischen dann mannhohe, blickdichte Tore und draussen das elektronische Auge des Hausbetriebs- und Überwachungssystems.

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Auch das ist natürlich eine Ansage an den Betrachter. Da werden keine individuellen Wunschvorstellungen gezeigt, und seien sie noch so kitschig, keine Metallblume windet sich da um Stäbe und kein Wappen erzählt vom Willen, etwas Besseres zu sein. Da ist einfach eine Mauer aus Metall und Stein, gesichtslos und ohne jede Information, anonym und abweisend. Und die Tür ist keine Verbindung zwischen Drinnen und Draussen mehr, sondern ein Schott, eine Schleuse, eine Art Grenzbefestigung. Auch das hat hier übrigens historische Tradition, die Kelten errichteten in einer ähnlichen Kompositbauweise die Mauern ihrer Oppida – aber dann schlachteten sie auch ein Kind und vergruben es rituell unter dem Tor, und zwar nicht, weil es das Abitur nicht bestanden hatte. Insofern ist diese Tradition der Mauer eher fragwürdig und noch weniger zeitgemäss, als die Eisengitter mit ihrer Anlehnung an den Feudalismus.

Aber sie passt zur Zeit und den Entwicklungen, die auf der einen Seite schamlose Selbstinszenierung und Nacktmachung verlangen, bei der Bewerbung und bei der Wahl des Autos, bei den Facebook-Profilen und der öffentlichen Heiratsplanung im Netz. Und auf der anderen Seite Distinktion, Ausgrenzung, Trennung, Rückzug und Verteidigung des Erreichten gegen eine als feindlich wahrgenommene Umwelt. Daheim, an der Donau, im Westviertel, fallen die Neuzugezogenen, die Heimatlosen des Kapitalismus mit solchen Mauern auf. Da wird, wie es so schön heisst, nachverdichtet, da sitzt dann Haus auf Haus mit minimalen Gartenflächen, ja sogar weniger als 300 Quadratmeter, und diese Designhäuser werden gerne mit solche Festungswerken gegen das Bestehende von der Umwelt abgeschnitten. Sie kommen als Eroberer, sie quetschen sich noch rein und bauen ihr Bedürfnis, sich gegen altes Geld und neue Bankenkrisen und Zahlungszwänge im Pleitenfall zu schützen. Der Tegernsee, der durch die Lage, den dörflichen Charakter und die einheitliche Sozialstruktur der nicht ganz Armen wenige Unterschiede kennt, braucht das nicht. Ausserdem will man dort wie auch sonst im Feudalismus die Landschaft sehen, und nicht Kleinberliner Mauern.

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Dass sich derartige Konstruktionen überhaupt einbürgern konnten, ist übrigens auch Folge eben jener als feindlich wahrgenommenen Umwelt der sozialen Brüche, gegen die man sich verteidigen möchte. Denn gerade billig ist solche Festungsbaukunst nicht, und überhaupt finanzierbar erst durch den Niedergang der globalen Steinpreise. Für so eine Mauer geht man nicht zu einem Handwerker und bespricht Ornamente, dafür beschafft man sich neben den Gittern auch die Steinbrocken, und die kommen inzwischen oft aus China oder Indien, wo sich, Sklaven- und Kinderarbeit sei dank, die Preise niedrig halten lassen. Stein ist Stein, mag man denken, man sieht es so einem Brocken nicht an, ob er unter Arbeitsschutz aus dem Bayerischen Wald oder unter Ausbeutung in China gebrochen wird, da kann man gefahrlos sparen und die Mauer einen Meter höher machen: Den Aufschrei, den es früher bei Perserteppichen wegen der Kinderarbeit gab, hat man hier nicht zu befürchten. Es sind doch nur anonyme, abweisende Steine, über die man nicht redet, sondern einfach den anderen ins Gesicht stellt.

Da hat man nichts zu lachen. Spöttisch belächeln mag man vielleicht den Metallzierat, der vor 40 Jahre Mode war, aber diese Gitter sagen auch: Schon vor 40, 60, 100 Jahren konnte man sich das leisten, einen echten Kunsthandwerker beschäftigen, der mehr von Gestaltung versteht als jener Bauarbeiter, der ein Gerüst verfüllt, sicher auch nicht billig war – aber dafür hat der Kitsch dann auch all die Zeit gehalten, die Kinder haben sich über diese Tore hinweg geküsst, und heute atmen sie ein wenig Geschichte und erinnern an den Traum einer romantisch geprägten Zukunft, in der ein Bankenpräsident kein Chef einer kriminellen Vereinigung und Überwachung nur das Abfangen einiger Telegramme gewesen ist. Man muss sich das leisten können, diese Offenheit und die leicht kitschigen Ideale dieser Gitter, dazu bedarf es eines gewissen Vertrauens in die Welt und die soziale Ordnung. Was man heute dagegen aufschüttet, ist die passende Ergänzung zu Tempora, Prism, der NSA und des Überwachungsstaates mit seinen Drohnen. Ein hübsches Mädchen aus meiner Klasse, das damals wie heute auch hinter so einem schmiedeeisernen Zaun lebt, hat den elterlichen Alarmanlagenbetrieb übernommen. Ihr Vater hatte fast nur Geschäftskunden. Heute fragen vor allem Privatleute nach umfassenden Kontrollmassnahmen. Ein Gartentor mit Klinke und Türoffner dahinter, den man von aussen erreicht, passt nicht mehr ins Überwachungssystem.

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Als Kind war ich dabei, als meine Eltern die Schmiedeeisen bestellten, und ein paar Muster – es wurden die kitschigsten, würde man heute vielleicht sagen – durfte ich auch mit aussuchen, denn schon damals hatte ich einen erlesenen Geschmack für Mehr und Üppiger. Das war alles sehr spannend, die Werkhalle, die Eisenstäbe, das glühende Metall, die Hämmer, die Geräusche, der Geruch der Schweissarbeiten… ein Abenteuer für Kinder. Die heute Zeugen werden, wie man sie von der Restwelt abschneidet, und dann kommt der Techniker und baut dezente, geruchslose kabel und elektronische Augen ein, als sei dies Südamerika und man müsste am besten mit dem Hubschrauber fliegen, um Entführungsgefahren zu entgehen. Die neuen Oligarchen, sie haben kein Selbstbewusstsein. Und keinen Sinn für das Hübsche. Vermutlich denken sie, es ist cool und modern und der Landschaftsgärtner, den sie für ihre Grünrestflächen fengschuien lassen, hat gesagt, dass die P. in St. Moritz und die H. auf Teneriffa das jetzt auch so machen. So ist das, wenn man endlich oben angekommen ist. Die Mauern sind so hoch, man sieht gar nicht, wie man draussen durch die Mauer gesehen wird.