Es ist viel zu schön, als dass ich über Obama, Merkel, Neuland und dessen Panegyriker schreiben möchte.

Oh, natürlich kann jeder nach St. Quirin. Wir sind ein freies Land ohne Reisebeschränkung. Man kann ganz einfach hinfahren, es liegt ja an der Strasse zwischen Gmund und Tegernsee. An Tempo 50 sollte man sich halten, denn dort wird oft geblitzt. Aber das erkennen die Einheimischen schon von weitem, denn wenn geblitzt wird, stehen da auch Fahrzeuge am Strassenrand. Und das wiederum ist in St. Quirin ungewöhnlich, denn dort sind Parkplätze nicht vorhanden. Dafür haben die Anwesen grössere Auffahrten, wo Freunde des Hauses ihre Karossen stehen lassen können. Wer hier keine Freunde hat, wird dagegen leichte Probleme haben, mal eben anzuhalten und den Sonnenuntergang zu geniessen. Natürlich ist St. Quirin keine Gated Community, es ist halt nur so, dass der Immobilienerwerb meistens über ein Erbe kommt, und es in den engen Gassen nicht möglich ist, das Auto abzustellen. Und von beiden Seiten her, von Tegernsee und Gmund, ist es schon recht weit zu gehen. Eine Infrastruktur für Nichtanwohner gibt es nicht, weil die ja eh nicht parken können. So ist das in St. Quirin. Offen und jedem frei unzugänglich.

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Oberhalb des Ortes ist dagegen ein Parkplatz, der hin und wieder unter der Woche, wenn manche angeblich arbeiten müssen, gar nicht so arg voll ist, obwohl von dort aus zwei der schönsten Wanderwege am See ihren Anfang nehmen. Allerdings muss man von da aus erst nach St. Quirin hinunter, und weil wir in den Bergen leben, ist „hinunter“ das, was man hier als „gaach“ bezeichnet: Steil, und obendrein der heissen Sonne ausgesetzt. Hinunter kommt man schnell, aber hinauf… hinauf fahre ich mit dem Rad, wenn ich von Tegernsee nach Hause fahre. Hinauf sind es drei Rampen mit gut 20% Steigung, im Rücken hat man ein wirklich schönes Panorama, aber man hat kein Auge dafür, denn die Rampen verlangen einem alles ab. Mag man im Tale noch dahingeflogen sein, so macht die Strasse hier aus jedem einen stöhnenden, schwitzenden und keuchenden Haufen Elend, bis er oben ankommt. Am Oberbuchberger Hof, dessen Namen sagt, wie es ist. Oben. Berg.

Den Weg kennt nicht jeder und jeder, der ihn zum ersten Mal sieht, denkt sich auch, dass es keine gemütliche Sache ist, und kehrt vielleicht wieder um, zwischen den schmiedeeisernen Gittern der Anwesen, und versucht sein Wanderglück wieder unten am See. Andere kennen da gaor nixn und wissen, dass sie, wenn sie da oben ankommen, sich vielleicht wie tot fühlen, aber auch noch lebendig sind und ab dem 40. Lebensjahr etwas vollbringen, das ihre Altersgenossen mitunter vor grössere Probleme stellt. Das zumindest denke ich mir jedes Mal, ich bezwinge nicht nur den Berg am Ende einer zumeist grösseren Tour zum Hirschberg oder Achenpass, sondern auch die anderen, die das gar nicht mehr könnten. Aber wie das erst sein mag, wenn es die anderen gar nicht mehr gibt?

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Am Montag war ich hinten im kühlen, engen und erfreulich schadmünchnerfreien Söllbachtal am Fusse des Hirschbergs, und als ich im letzten Sonnenlicht den Berg hinter St.Quirin bezwang, war auf der zweiten, längsten Rampe ein alter Mann mit zwei Stecken, der ganz langsam, Schritt für Schritt, den Anstieg bezwang. Wie gesagt, man trifft hier aufgrund der Lage nur wenige, die nicht von hier sind, und wenn jemand zu dieser späten Stunde, in diesem Alter den Berg hochgeht, dann ist der von hier. Nur ein alter Mann, schlohweisse Haare, eine dicke Brille, ein weites Hemd und eine von Trägern gehaltene Cordhose, die ihm vor 10 Jahren vielleicht gepasst hat, aber jetzt hing sie ihm weit und formlos um die Beine. Langsam, ganz langsam arbeitete ich mich an ihn heran, ich grüsste, wie man das am Berg so macht, und nickte ihm aufmunternd zu. Normalerweise fahre ich die drei Rampen durch, aber diesmal hielt ich am Ende der zweiten Rampe an und wartete, bis er oben ankam. Nicht, weil ich befürchtete, ihn würde bei den 30 Grad in der Abendsonne der Schlag treffen, sondern weil es sich nicht gehört, jemanden, der in diesem Alter diesen Berg bezwingt, einfach abzuhängen. Ausserdem ist die Aussicht so schön.

Gaach, keuchte ich.

Ja, keuchte er zurück

Alle Achtung.

Passt scho.

Wir wünschten uns einen schönen Abend, und dann gingen wir unserer Wege.

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Auf dem Weg zum Oberbuchberg kam ich auch in Rottach vorbei. Rottach hat am See zwei Seiten, einmal die der Abendsonne abgewandte Promenade mit den Hotels und Restaurants, wo man jetzt unter anderem einen fünfeckigen, goldenen Brunnen vor einem Betonglaspalast vorweisen kann. Dahinter ist dann ein Restaurant mit Sternekoch und Menschen kommen von weit her, um zu glauben, dass der Fisch dort wirklich etwas mit den Weissach-Kieseln zu tun hat, auf dem er serviert wird. Dahinter ist dann nur noch Strand, Villen, die Bootshäuser der wirklich Reichen und kein goldener Brunnen mehr, aber Plastikstühle zum See und zur Sonne hin. Vor zwei Wochen sind hier noch die Keller in der Flut vollgelaufen, jetzt sitzt man am Bootshaus und ist froh, Sonne zu haben.

Es ist so auf dera Welt: Es gibt zwei Pole des sog. Lebensstils. Der eine möchte fünfeckige, goldene Brunnen und eine Tiefgarage für seinen möglichst grossen Wagen, einen Sternekoch, eine möglichst mit Komplikationen angereicherte Uhr, seine Frau möchte spezielle Wellnessangebote, und wenn das Rad jedes Jahr neu und 100 Gramm leichter ist, kann man sich damit auch sehen lassen. Das ist der Pol der Promenade von Rottach, man bekommt dort auch Pelz und rote Aallederjacken und kann die Immobilienanzeigen der besten Makler anschauen, bevor man die Juweliere und Pralinenhersteller aus dem Norden besucht, oder sich ein modischen Trachtengewand schneidern lässt. Und dann sind auf der anderen Seite diejenigen, die nichts möchten, sondern eine Bierbank am Bootshaus haben, und zwei Stecken, eine alte Hose, einen Berg, das Wissen, dass es noch geht, und den Sonnenuntergang.

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Das Amüsante an der Sache mit dem Lebensstil ist, dass die Kosten zum Erreichen beider Pole hier ganz enorm sind; es leben nur 15-20.000 Menschen in Laufnähe zum See und nur ein paar hundert in Rottach am Wasser oder in St. Quirin, und vielleicht 30 haben ein Bootshaus. Die einen brauchen immer das Neueste und Beste und meinen, sich irgendwie mit Konsum etwas beweisen zu müssen, man macht für sie Magazine und Sonderseiten und Berliner Spendenfassaden und sucht ständig neue Sensationen und Bedürfnisse, die morgen wieder wertlos sind. Es ist nicht nur die immer billiger werdende Unterhaltungselektronik: Was immer auch existiert, man wird davon eine begehrenswerte und gleich wieder unmoderne Reichenversion machen, Blattgold auf Torte, zu Tode gestreicheltes Rind, silberne Näpfe für die Katze und was sonst immer direkt aus der Pressemitteilung seinen Weg in das angenehme publizistische Umfeld findet. In den Hotelzimmern in Monaco, auf dem Zigarettenautomaten in Seeglas, zwischen den Büchern der Zeitungen, als iPad-Magazine. überall liegen diese Empfehlungen aus, scheinbar teuer gemacht und angeblich edel in der Anmutung.

Und dabei geht es doch am Ende nur darum, dass man mit 80 oben beim Oberbuchberger noch ankommt und in der Sonne steht, und nicht hinten bei Kreuth in der besten Spezialklinik, laut ihrer Imagebroschüre, in das Vergessen dämmert. Die Pole im Leben der Vermögenden bleiben nicht stehen. Sie ändern sich. Natürlich muss man erst mal so weit kommen, um es sich leisten zu können, Reichtum zu hinterfragen. Die Antworten sind nicht immer schön, nur selten schöner als der Sonnenuntergang beim Oberbuchberger, und ganz sicher nicht in den Gazetten zu finden. Die machen nämlich Leute, die sie nicht machen würden, wenn sie ihr Dasein und Mangel an Reichtum nicht dazu verdammen würde. Sie wissen nichts, gar nichts, sie werden immer nur an der Promenade von Rottach beruflich kostenlos verwöhnt und privat dann gemolken, wie jene, die ihren Empfehlungen folgen, und nie in der Sonne stehen. Zumindest nicht in St. Quirin, wo man nicht parken kann.

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