Wenn wir keine Rivalen hätten, würde sich der Genuss niemals in Liebe verwandeln.
Marcel Proust

Um es kurz zu machen: Der V. heiratet seine Vermögensverwalterin G.. Da hier aber die saftigen Details dieser Verbindung nicht zu kurz kommen sollen, möchte ich an dieser Stelle ganz unvoreingenommen im Vorgriff sagen, dass eine Vermögensverwalterin natürlich kein natives Vermögen braucht, wie ein Autofahrer keine Autofabrik besitzen muss, ein Spezialist für Krebserkrankungen auch keinen Krebs haben muss, und ein Gefängnisdirektor keine Haftstrafe absitzen muss. Unvoreingenommen ist daher zu darüber sagen, dass man dagegen nichts sagen kann.

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Nun ist unsere kleine Welt des Westviertels aber nicht ganz unvoreingenommen, und wie die Alten schon über Bankdirektoren sungen, so pfeifen die Jungen auch heute noch über ihre längst vergangenen Techtelmechtel mit Bankdirektorentöchter. Und in so einer Welt sorgt es natürlich erst einmal für eine gewisse Verwunderung, wenn so ein – inzwischen nicht mehr ganz junger – Sohn einer Bankangestellten anheim fällt, die sich schon bisher um seinen Geldbesitz kümmerte und nun dazu übergehen wird, den Rest auch noch zu kontrollieren. Es ist eine freundliche Übernahme, denn der V. hat es nicht so mit Vermögensdingen, und generell ist es auch eine Fehleinschätzung zu glauben, dass man sich, so man Vermögen hat, automatisch darum kümmern muss: Das machen vielleicht welche, die es im Schweisse des Angesichts ihrer Anleger erworben haben, aber wenn es einem einfach so zufällt, ist man dankbar, wenn jemand einem diese Bürde abnimmt.

Selbst für den V., der es mit viel Hilfe seiner Eltern gerade mal zum bayerischen Abitur am leichtesten Gymnasium der Stadt gebracht hatte (man muss sich das vom Niveau her in etwa so schlimm wie die Erringung einer Promotion in Nordrhein-Westfalen oder Berlin mit 20 Jahren vorstellen), und dessen literarische Neigungen allenfalls rudimentär ausgeprägt sind, gibt es schönere Lektüre als Anlageprospekte und Abschlussberichte. Und wie ich nun im Gespräch mit einem Freund, der ebenfalls sehr viel auf seine Exbeziehung mit der Bankdirektorentochter P. hält, erfahren habe, sah sich der V. erst mit der grossen Krise gezwungen, seine Beraterin zu fragen, was da eigentlich mit seinem Geldvermögen los sei, das sich da rasend schnell in Nichts auflöste. Dass es diese Beraterin G. überhaupt gab, dass sie stofflich und nicht nur als Aktenzeichen der Bank existierte, bemerkte er übrigens auch erst, als er sich dann in jene Geschäftsstelle quälte; davor war sie etwas, das er mit dem Vermögen übernommen hatte, und Briefe an seinen Steuerberater schickte.

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Ich kenne den V. und sein phlegmatisches Wesen, und wenn nun berichtet wird, wie mannhaft er die Verluste der Krise hinnahm, während andere mit den Sportwägen und Koffern über Alpenpässe in die Schweiz fuhren, dann wird das wohl so gewesen sein. Mit dem Blick über die Jahrhunderte relativiert sich ja vieles, Kriege, Börsenkräche, Inflationen und Währungsreformen kamen und gingen, aber die Familien blieben bestehen, und nach einer Weile war das Geld auch wieder da. Und wie es nun einmal so ist, war er dann öfters in jener Bank, hörte sich defensive Anlagestrategien an und sah auch keinen Anlass, seiner Beraterin Schmerzen zuzuführen, wie es so viele andere gemacht haben: Indem sie nämlich das Geld den Beratern nahmen und in Immobilien steckten. Bei der Familie des V. und ihrer Häuser, muss man sagen, hätte sich das auch kaum mehr gelohnt, denn all die alten Tanten hatten mehr Wohnraum hienieden zurückgelassen, als dass es einer allein hätte bewohnen oder auch nur sinnvoll bewirtschaften können. Der V. also hielt seiner Verwalterin die Treue, und weil die Stadt klein ist und sie auch gern nebenbei ein wenig über tägliche Gewohnheiten plauderten, muss er es wohl einzurichten gewusst haben, dass man sich – zufällig – hin und wieder auch ausserhalb der Bank traf. Und wie das eben nun mal so ist, so ist es auch gekommen.

Wir alle also haben jeden Anlass zu glauben, dass es sich mehr um eine Art gewünschtes Management-Buy-In handelt, denn um einen räuberischen Akt, sich ein Vermögen teilanzueignen, das der jungen Dame weitaus besser als dem V. bekannt war. Und so sind die Reaktionen auch gar nicht so schlimm, als wenn er anderweitig eine Frau erwählt hätte, die ausser einem scharfen Geist nur wenig in die Ehe mitbringt, das beweisen könnte, dass sie selbst ihr Vermögen trefflich mehren konnte. Im Gegenteil, nach einem kurzen Moment des Erstaunens geht man auf breiter Front dazu über, diese Verbindung richtig gut zu finden. Es sieht wie eine sinnvolle Ergänzung aus, und hätte die Verwalterin wirklich auf die Überholspur des Lebens gewollt, wo all die Drängler und Erfolgreichen, die Vielverdiener und Esaberauchnötighaber sind, dann hätte sie in diesem Bankhaus sicher bessere Alternativen gefunden, als ausgerechnet den V., der in diesem Dasein nirgendwo mehr ankommen wird, wo er nicht schon ist.

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Damit ist er fraglos die ideale Kund- und Partnerschaft für die G., denn wo andere immer nur nach Rendite plärren und für 1% alle guten Ratschläge ignorieren, ist der V. zufrieden, wenn sich jemand darum kümmert, und bekommt auch keinen Schreikrampf oder was sonst so passiert, wenn sich durch eine Unwägbarkeit die Hoffnungen auf Profit als überteuert erweisen. Sie kann dagegen frei von Bankzwängen das tun, was sie selbst für richtig hält, und generell wird das sicher eine rundum ehrliche Ehe, wo nicht der eine beim Verkauf eines Hauses die Hälfte schwarz nimmt, um im Krisenfall etwas auf die Seite geschafft zu haben, wie das sonst wohl nicht ganz selten vorkommen soll (Sie glauben ja gar nicht, was für Überraschungen manchmal auftauchen, wenn so ein Mensch mit wenig Vertrauen stirbt, von Koffern voller Markscheine bis zu Unterhaltszahlungen, die man besser fortführt, will man keinen Skandal).

Und umgekehrt – auch das ist so eine gut begründbare Erfahrung – brechen Beziehungen zwischen Arm und Reich oft an der Fassungslosigkeit über das Verschenken von Chancen und Gelegenheiten auseinander, die die einen nie erhalten würden, und die den anderen viel zu stressig sind, vielleicht auch, weil sie aus Erfahrungen wissen, dass da noch bessere Möglichkeiten kommen werden. Die Vermögenden sind nicht bereit, die Preise des Unangenehmen – ein Umzug, Hektik, mehr Arbeit – auf sich zu nehmen, die andere aus Angst, so eine Chance käme nie wieder, jederzeit zahlen würden. Das fängt bei Einladungen zu grauenvollen Standortbällen mit Regimentbigband an, zieht sich über sinnlose Karriereangebote hin und führt spätestens zum grossen Krach, wenn der geplante Nachwuchs nach Oxford soll. Hier nun ist jedoch eine Frau, die sich auf bestimmte Tätigkeiten versteht, und ein passender Bereich, in dem sie sich nach Lust und Laune ausleben kann, zum Vorteil beider Partner, so dass jeder nach seiner Natur leben kann. Das sieht gar nicht schlecht aus, keine Zweckehe, sondern eine Ehe mit Zweck. Letztlich ist das auch nichts anderes, als wenn der Besitzer eines Parks eine Frau heiratet, die gern Rosen züchtet. Und ausserdem hat die G. schon beruflich genug Erfahrungen mit den, sagen wir mal, speziellen Eigenheiten dieser Kreise und ihrer Kanten. Das, sagt die allgemeine Meinung, wird gut gehen.

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Man erlaubt sich allenfalls den Scherz, dass sie nun ihren Gatten zuallererst dazu bringt, in das sprichwörtliche fallende Messer zu greifen, und in Gold zu investieren, da es gerade zu einem tiefen Fall ansetzt, aber das sind ja auch nur zwei Ringe und wer weiss, vielleicht rät sie ihm doch zu Platin, das weniger volatil ist, oder gebrauchten Ringen, die die Anfangsverluste reduzieren helfen. Ansonsten ist alles eitel Freude und Sonnenschein, und wäre dieser Sektor nicht so stark männlich dominiert, würde man auf unserer Seite das Angebot genau evaluieren und auf seine generelle Markttauglichkeit prüfen, denn Söhne, die das Leben nur geregelt kriegen, wenn es andere für sie regeln, haben wir noch mehr auf Lager. Aber die anderen Verwalter sind Männer, und ausserdem hatten die real existierenden Männer aus dieser Branche in jener kleinen Stadt dummerweise so luxemburgische Unterlagen ihrer Klienten im Büro, als die Fahnder kamen, was eine andere Geschichte wäre, die ich vielleicht später aufschreibe, wenn es den Nichtkunden der G. nicht mehr so weh tut und ach so, ja, also, was ich sagen wollte:

Natürlich gibt es da jede Menge Defizite, auf beiden Seiten, aber die gibt es immer, und hier passen sie bestens zusammen. Das wird schon, und wenn nicht, dann ist immer noch genug da. Und das wiederum sind so Sätze, die gehen den einen einfach so von den Lippen, weil sie es nicht anders kennen, und die anderen bringt es zur Weissglut, weil es nie so sein wird – Mesalliance eben.

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