In Sicilia non importa far male o far bene.

Die Stadt Palma de Montechiaro ist, das kann man ohne Übertreibung sagen, ein Ort, den die Musen in einem Anfall von Orgienwunsch an die Wand gedruckt, die Kleider vom Leib gerissen und dann so lange geküsst haben, bis da ein riesiger Knutschfleck war. Sicher, die gut 100 Kilometer entfernten spätbarocken Städte des Val di Noto sind ein Weltkulturerbe, aber deren Bau beginnt erst aus der mit dem grossen Erdbeben von 1693. Palma dagegen ist keine Rekonstruktion aus der Not heraus, sondern eine lustbetonte, frühbarocke Idealstadt, entworfen und gebaut, um den Stadtherren Prestige und einen Herzogtitel einzubringen. 1637 beginnen die Bauarbeiten, zu einer Zeit also, da Mitteleuropa im 30-jährigen Krieg ausblutet, und was man damals hätte alles bauen und erschaffen können, hätte man sich nicht niedergemetzelt – das kann man sich in Palma anschauen. Denn die Stadtherren hatten in einen reichen sizilianischen Clan eingeheiratet, und planten und bauten gleich in grossen Zügen: Kirchen, Paläste, Quartiere, Treppen, breite Strassen, und die ganze Pracht der barocken Epoche.

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Das Adelsgeschlecht, das damals noch schlicht Tomasi hiess, sammelte über die Jahrhunderte durch Heiraten und Titelgeschacher etliche andere Adelstitel ein, so dass ein Familienoberhaupt im 20 Jahrhundert dann formal Don Giuseppe Maria Fabrizio Salvatore Stefano Vittorio Tomasi, Prinz von Lampedusa, Herzog von Palma, Baron von Montechiaro und Barone von Torretta hiess. Bekannter ist er unter dem Namen Giuseppe Tomasi di Lampedusa, vor allem durch den Weltbestseller (und den nachfolgenden Film) Il Gattopardo. In Palma glaubt man fest daran, dass die im Buch beschriebene Region der Sommerfrische nichts anders als dieses Städtchen in der Region Agrigent ist, und deshalb steht sogar auf den Strassenschildern „Palma di Montechiaro – Donnafugata“. Tatsächlich hat der Ort nicht nur das Glück der historischen Bausubstanz, sondern auch den Vorzug, dass viele der alten Gebäude immer noch stehen, und der Eindruck entsprechend historisch wäre. Wenn, ja wenn die handelnden Personen des Ortes wie die Figuren des Buches das Leitmotiv aus Il Gattopardo – Alles muss sich ändern, damit alles so bleiben kann, wie es ist – umgesetzt hätten. Die gute Sache ist: Es steht vieles noch da. Die schlechte Sache ist:

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Es hat sich alles geändert. Und nichts ist geblieben, wie es war. Schon entlang der grandiosen Haupttreppe vom Palazzo Ducale zum Dom sind die Türen und Fenster vernagelt, das einzige Cafe hat dicht gemacht, und alles verfällt seit langen Jahren. Es spricht sehr für die Gründer des Ortes und die Qualität der barocken Architektur, dass die Gebäude trotzdem noch stehen, aber die hohlen Fensterlöcher und die verrammelten Türen sprechen den Hoffnungen, die sich mit der Gründung des Ortes verbanden, Hohn. Unten im Park sitzen die alten Männer und geniessen einen spektakulären Blick auf das Meer: Hinter ihnen kann man keine zwei Schritte ohne eine gewisse Fassungslosigkeit gehen. Kommt der Fussboden im ersten Stock herunter, wird eine Stütze eingezogen und das Untergeschoss geräumt. Will man das Gebäude ohne unerwünschte Besucher verfallen lassen, schraubt man ein Brett vor die Tür. Früher lebten hier noch die Alten, aber die sind tot und Palma selbst bietet wenig Möglichkeiten: Mehr Arbeit gibt es in Licata und Gela, unten am Meer. Und deshalb stürzen die Balkone ab, die schmiedeeisernen Gitter verrosten, und all die Vorurteile, die man im Gattopardo gegen die Moderne hegt, scheinen sich zu bestätigen.

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Bliebe noch der Tourismus, der sich entlang der Küste vom Spätbarock des Val di Noto zu den Tempeln von Agrigent schlänglt. Leider ist die historische Substanz von Palma näher an den klassischen Tempelruinen denn an den herausgeputzten und tourismustauglichen Fassaden von Ragusa. Es ist wie mit dem Leben der Menschen im Gattopardo: Sie alle scheitern an ihren Möglichkeiten, es könnte viel sein, aber am Ende müssen sie sich eingestehen, dass sie gegen die Veränderungen verloren haben. So gesehen passt das real existierende Palma natürlich zum Roman, es schreibt dessen Geschichte konsequent bis zum bitteren Ende der Agonie fort.

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Natürlich, würde man jetzt in einem Kraftakt Palma die Montechiaro neu gründen, ein paar hundert Kunstgeschichtlicher, Restauratoren, spezialisierte Handwerker und Denkmalpfleger in den Ort schicken – dann könnte man auch dem normalen Touristen wieder begreifbar machen, wie so eine Idealstadt des Barock aussieht. Man könnte es mit ein wenig Übertreibung das „Sabbioneta des Südens“ nennen, denn so viele Planstädte dieser Epoche gibt es nicht. Man könnte die entsetzlichen Energiesparlampen aus den Kronleuchtern der Kirchen schrauben und den bunt bemalten Padre Pio aus Gips irgendwo hinstellen, wo er nicht den barocken Raumeindruck belastet. Man bräuchte sehr viel von dem Vermögen, das die Italiener angeblich besitzen sollten, um so etwas zu tun: Aber das ist die Region Agrigent. Die Alten sterben und die Jungen gehen. Und Italien hat andere Probleme als ein paar hundert zerfallende Häuser in einer abgelegenen Region Siziliens. Ausserdem, könnte man zynisch sagen, haben auch Ruinen etwas: Gegenüber auf dem Berg stehen die Reste eines Klosters, und selbst dieses Ensemble ist immer noch eine Sehenswürdigkeit, wenn man davon weiss. Andenken kann man hier nicht kaufen, aber es liegen genug floral geformte Trümmer auf den Strassen herum.

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Die barocke Stadt hat in ihrer Zeit ihren Zweck erfüllt und den Ruhm der Familie gemehrt. Dass es jetzt so anders ist, ist schlimm, aber kein Grund zur Überheblichkeit. Die Welt ist voll von Palma die Montechiaros, die die Veränderungen nicht schnell genug mitmachten, oder nicht radikal genug, und zu Tode gehetzt wurden. Wenn deutsche Politiker heute in Frankreich und Italien mehr Reformen anmahnen, damit diese Länder den deutschen Vorstellungen mehr entsprechen, und hierzulande den Menschen die Illusion vorgegaukelt wird, es müsse sich alles ändern, damit der Wohlstand bleiben kann, wie er war – dann ist Palma zwar immer noch verrottet und vergessen. Aber gleichzeitig die Zukunft von Griechenland, Zypern, Italien, Spanien, den 75% ärmeren Deutschen und überhaupt allen, die nicht den deutschen Vorstellungen und Befehlen entsprechen. Man kann an der sizilianischen Südküste die Vergangenheit der europäischen Hochkultur besichtigen, die Fehlentwicklungen der letzten Jahrzehnte, und das Kommende. Nur werden die Opelruinen, die Druckereien, die AKWs und die Kadaver der spanischen Hochhäuser nicht so hübsch sein. Sie werden hässlich und teuer weggeräumt werden, und nicht Jahrhunderte trotz allem in Würde überstehen und wie Palma aus all den halboffenen Türen flüstern, dass man es nicht nur retten könnte. Sondern dass es sich auch wirklich lohnen würde.

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