Wenn Sie denken: Der hat doch sicher einen fiesen Text über die Thatcher geschrieben und ist jetzt nur zu feige, um den zu bringen – dann haben Sie leider recht.

Früher waren die jungen Leute beim Studieren auch nicht vermögender als heute; im Gegenteil, man blieb meist an der Uni, an der man begann, in der Stube, die man gemietet hatte, und für Flausen wie drei Studiengangwechsel und jedes Jahr eine neue internationale Station war einfach kein Geld da. Man füllte billige Ordner mit Papier, man rief mit dem Festnetz an und war froh, nicht zu den Armen zu gehören, die jeden Tag von ihren Kinderzimmern aus pendeln zu müssen. Zum See fuhr man mit dem Rad oder der S-Bahn oder, aber das war ganz selten, mit einem Käfer Cabrio, zweifarbig und wie ein Aquarium, wenn es regnete. Trotzdem sind die Geschichten, die man so vom Studenten-Allotria vergangener Tage hört, immer recht erbaulich. Die Seidenstrumpfhosen mögen nur gemalt gewesen sein, und die Zigarettenspitzen halfen, mit einer Zigarette pseudorauchend durch den Tag zu kommen: Aber lustig ist es gewesen. Und danach begann das Leben, das eigene Einkommen, und alles wurde gut.

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Mir ist das in den Sinn gekommen, weil sich so ein guter, satter und erfreulicher Kreis der Generationen gerade in mir schliessen wollte: Solchen Familien geht es nämlich irgendwann zu gut, dann ziehen sie ihr Kinder aseptisch rein und fern alles Schmutzpartikel auf, woraufhin die natürlich allergisch werden, und dann bekommen sie auch noch einen allergischen Schock vom falsch dosierten Waschmittel. Ja so kann es gehen. Daraufhin bekommen sie Cortison, auf das sie – hoppla! – nun ebenfalls allergisch reagieren, und obendrein von Spray eine Rachen- und Mandelentzündung bekommen. Kann das möglich sein, fragt man den Arzt entsetzt, und der sagt: Ja. Das gibt es. Und wenn die Lunge zu ist, die Bronchien röcheln, das Schlucken nur dann wie Feuer schmerzt, wenn das Wasser genau richtig lauwarm ist und nicht wie Schwefelsäure, sollte es etwa zu kalt oder zu heiß sein, und sich die Entzündung dann das auch noch im ganzen Kopf ausbreiten, dann denkt man so bei sich: Naja, an irgendwas muss unsereins auch aussterben, und wenn es schon dank der familiären Zuwendungen nicht der Rentenbetrug oder ein Leben ohne Seezugang oder Bergblick ist, dann halt Waschmittel und Cortison.

Wie man weiss, hat sich das Schicksal mit einem lauten Ding Dong anders und für eine andere entschieden, und mir ging es eigentlich zu gut zum Sterben, denn ich hatte nebenbei viel warme Torte. Und „Hunnen und Rebellen“, die Autobiographie von Jessica Mitford. Eine Schwester namens Nancy war die berühmte Autorin, zwei andere, Diana und Unity, waren berüchtigte Nazianhängerinnen, und Jessica war die Kommunistin (und obendrein das Vorbild für die kleine Schwester von Sebastian Flyte in Evelyn Waughs „Brideshead revisited“). Das Buch, bei Berenberg erschienen, ist ein famoser Spass, und ich kann es wirklich nur empfehlen, beim stationären Buchhandel, beim Internetversand wünsche ich eine Cortisonallergie dass es kra. Diese ganze Clique von jungen, sorglosen, vermögenden, leicht schrägen und enorm talentierten Leuten hiess damals „bright young things“. Und man weiss, wie sie lebten: Finanziell von den Familien kurz gehalten, sorglos am Monatsanfang und schlank am Ende, ohne Credit, aber so lustig, wie es eben ging, weil der Ernst des Lebens noch kommen würde, und die Freiheit draussen in der Nacht war, oder beim Wachteleieressen in der Landschaft vor Oxford. Auch die Wachteleier hatte Frau Mama geschickt, und als Nancy Mitford – damals schon bekannte Autorin – doch einmal ausreissen wollte, kam sie bald voller Reue zurück: Ohne ihre Nanny war sie nach zwei Wochen knietief in der ungewaschenen Kleidung gestanden.

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Literarisch sind solche Zwangsbeziehungen natürlich ein Glücksfall, denn damit lässt sich jeder Generationenkonflikt, jedes Treffen von Personen, jeder Streit und jede schlimme Notlüge ganz einfach erklären: Sobald das Geld weg ist, muss man sich wieder treffen, reden, speisen, in den Gärten sitzen und reden; wie im richtigen Leben verdickt sich dann die Handlung, und kein armer Dichter muss nach Ausreden suchen, warum ausgerechnet jetzt Tante P. mit dem Amerikaner im Schlepptau auftaucht. Jeder völlig absurde Zufall lässt sich konstruieren, jede Bekanntschaft kann erklärt werden, jede alte Geschichte kann plötzlich zur Sprache kommen, und zwar genau dann, wenn man sie für die Handlung braucht. Und vor allem weiss doch jeder, wie das ist, wenn man pleite heimfährt und überlegt, was man alles plündern muss, um bis zum nächsten Ersten durchzukommen, und welche Studienfortschritte, die man das letzte mal erfunden hat, jetzt weiterdichtet. So werden Bücher geistreich und voller Esprit und grotesker Gestalten, so entstehen Clans und Geschichten, und der Leser wandert mit dem Helden mal hinein und mal hinaus in die weite Welt, bis das Materielle zur Heimkehr zwingt.

Heute wäre so etwas vollkommen unrealistisch, denn mit dem Geld der Eltern kommt auch der Überziehungskredit und die Kreditkarte, und damit ist der Freiraum sehr viel grösser, wie auch der Abstand zur Familie enorm gewachsen ist. Aufgrund der Entfernung ist man nicht mehr so oft daheim, Telefon reicht, und aufgrund der finanziellen Flexibilität ist es auch nicht wichtig. Es sind doch nur ein paar hundert Euro Dispo, bald ist wieder der Erste. Und bis zu dem Tag, da man sich vor dem Geldautomaten fürchtet, vergehen schon gut zwei Jahre, denn der Weg in die Hölle ist lang und mit vielen Rückzahlungsvorsätzen und Caipigläsern gepflastert. So, wie früher alle nach drei Wochen daheim den Kühlschrank ausräumten, reduzieren jetzt alle ab dem dritten Wochenende die Ausgaben, und am vierten Wochenende sind die Pfandflaschen dran und das alte Modem wandert zu Ebay. Jetzt nach Hause wäre ein Alptraum; Studienerfolge erfinden ist ja noch lustig, aber was sagt man, wenn die Eltern fürsorglich fragen, ob man denn mit dem Geld auskommt? Die Wahrheit, dass man seit einem Jahr von den Zinsen aufgefressen wird und das Geld von der Tante K. auch restlos weg ist? Oder lügt man tapfer Lebensbeherrschung, die nicht da ist? Oder findet man einen Mittelweg mit zusätzlichen Ausgaben, für die man Geld braucht, das dann in die Tilgung gehen soll, aber nur soweit es nach dem nächsten Wochenende noch da ist? Schliesslich will man doch auch mal wieder feiern, die Leute reden ja schon, dass man nur noch Geschnorrte raucht und ein Bier pro Abend trinkt. Dispokredit ist nicht nur kein Geld, sondern auch keine Herzensbildung.

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Und so bestimmen nicht mehr die Eltern, in welchem Umfang sie welche Geschichten glauben möchten, sondern die Kundenberater der Kreditinstitute. Sie entscheiden, wie die Geschichten unter welchen Auflagen weitergehen, und natürlich haben die Dramen auch Vorteile: Es ist vergleichsweise anonym, man kann sich lange, sehr lange mit einem geschlossenen Briefkasten beruhigen, und bis es in Deutschland unerträglich, wirklich unerträglich wird, muss schon recht viel passieren. Das System will ja weiterhin keine Geständnisse, sondern genau so viel Luft lassen, dass horrende Zinsen bezahlt werden können. Keine Generalbeichte ist nötig, keine Frage, warum man denn nichts gesagt habe, muss gehört werden: Man zahlt die Zinsen nicht nur auf die Schulden, sondern auch auf die Befreiung vom Zwang, einer Familie Rechenschaft ablegen zu müssen. Und insgesamt ist es, wenn ich das den Blogs diverser Berliner richtig entnehme, immer noch angenehmer, als eine langwierige Erklärung, warum das alles schon seit Jahren schief gelaufen ist. So vermeidet man natürlich Konflikte. Und so fad ist dann auch diese Verzweiflung.

Dabei darf man den Familiengeschichten meistens durchaus entnehmen, dass Eltern mit einem gewissen Schuldenstand rechnen und obendrein vermutlich lieber einmal die Kinder richtig entschulden würden, als all die Folgen auf Jahre weiter zu finanzieren. Denn während so eine Apanage ein schwindender Besitz ist, der einen aber mobil und wendig hält, sind Schulden etwas, das jede Entscheidung erschweren. Am Ende des Monats kann man einfach nicht zu einem Vorstellungsgespräch durch das Land reisen, und am Anfang des Monats muss man Angst haben, dass die Firma die Kosten zu langsam erstattet. Wird die Wohnung zu teuer, muss die nächste billiger werden, und die Kaution darf auch nicht mehr kosten. Das Dispolimit ist dann das Limit des gesamten Lebens, und sorgt so für noch ein wenig mehr Entfremdung, die dann wiederum im Internet durch Klagen unter Gleichangespannten kompensiert wird. Wenn am Ende die Frage, ob man den Umzugswagen rechtzeitig zurückbringt, entscheidet, ob man durchkommt oder ist, ist nur noch für die Betrachter aus der Ferne und in intakten Familien die Frage offensichtlich: Was hat das noch mit bright young things zu tun?

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Nichts. Es ist wie so oft, die Moderne klingt mit ihren Möglichkeiten viel besser als der Zwangsurlaub daheim und die dicken Tantenküsse, aber die Freiheit hat nicht nur ihren Preis, sondern auch ihre Zinsen und Zinseszinsen. So feiert man sich in ein Umfeld, in dem es allen schlecht geht, so schreibt man Romanentwürfe über Verlierer, so verschwindet die echte Familie mit den alten Möglichkeiten, und irgendwann, wenn andere längst funkelten und leuchteten, fallen sie, mit der Bierflasche in der Hand, aus dem Club. Nicht fallen lassen! Das sind als Pfand zwei Schrippen und vielleicht genug Kohlehydrate bis zur nächsten Überweisung. Aber so ist das nun mal mit der Ironie: Den einen bringt das Waschmittel um, und der andere versteht nicht, dass der alte, enge Weg an der Familie eigentlich gar nicht so schlecht war. Man kann sich natürlich auch über unseren niedrigen Vermögensmedian in Deutschland erregen, oder über die Methoden der Banken und ihr Verständnis von Menschen:

Aber diese Literatur, diese junge, deutsche, die dabei herauskommt, die ist wirklich schlimm. Das Dispolimit ist kein gutes Lektorat, man merkt es immer wieder. Zum Glück kann man Waugh und die Mitfords öfters lesen.

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