Immer feste druff
Kaiser Wilhelm II

Um 1900 herum hat sich der mit meiner Familie verbandelte W. einem Überseekoffer gekauft, mit goldenen Beschlägen und dicken Ledergriffen. Das war noch zu Zeit, als in Shanghai deutsches Bier gebraut wurde, und der Kaiser von einem Platz an der Sonne sprach. Die Industrialisierung hatte aus dem W.’schen Gasthof an der Donau mit eigener Brauerei einen üppigen Brauereikomplex werden lassen, der viele Gasthöfe belieferte, und nachdem der W. nun Herr über dieses kleine Reich war, wollte er entdecken, was er mit seinem Können und Vermögen sonst noch erreichen konnte. China? Deutsch-Südwest? Bismarck-Inseln? Oder wenigstens Hamburg? Die Propaganda der Zeit versprach überall glänzende Gewinne und unbegrenztes Wachstum, und so kaufte der W. in Vorbereitung seiner globalen Rolle eben diesen Koffer mit den goldenen Beschlägen und stellte sich wohl vor, wie er mit dem Schiff in Shanghai ankommen würde, und unten wuselten die kleinen Chinamänner herum und begehrten, seine Kunden zu werden.

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Aber der W. kam auch aus Bayern und war als Brauer natürlich auch breit, schwermütig und lethargisch, und so geriet der Kauf zu einer rein symbolischen Handlung. Gewollt hätte er schon, der W., und er war auch gewitzt genug, sein Geschäft zu verstehen, aber von den anderen Faktoren hatte er zu wenig Arbeit. Hätte er wirklich in Shanghai investiert, man hätte ihn im ersten Weltkrieg enteignet. Und darüber wäre auch die Brauerei in Bayern bankrott gegangen, die mit Müh und Not die folgenden Jahrzehnte überstand. Von den schönen Träumen ist nichts geblieben, ausser einer Brauerei, die mit lokalen Spezialitäten nach dem Reinheitsgebot sehr erfolgreich ihren kleinen Markt verteidigt. Und natürlich der Überseekoffer mit den Jugendstilinitialen des Namens des W..

Was abei dabei nicht herauskam, sind die Pleite und der Bankrott, und auf der anderen Seite auch nicht das Chalet in St. Moritz und die Ferrarisammlung, mit der sich hier gerade ein Grossmetzger lächerlich macht. Die Familie macht weiter, was sie kann, und was sie mit ihrer schmalen Einsicht in die Weltmärkte versteht. Ihre Wohnung ist nicht bei Vogue Interieur, das Vermögen steckt in der Region, die sie kennen, einen Vermögensberater gibt es nicht und meines Wissens nach auch keine protzigen Privatbanken in Luxemburg. Wenn es in einer ihrer Gaststätten Kesselfleisch gibt, ist es nicht sonderlich idyllisch, und das Geschäft ist auch nicht geruchslos wie ein Server, der in Sekundenbruchteilen handelt. Sie haben eine Jagdhütte in den Wäldern und sind nicht im Mindesten so wie die Superreichen in der Karibik, in St. Tropez oder wo sie sonst noch leben. Aber grad arm sind sie auch nicht.

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Trotzdem hat sich heute, 100 Jahre nach dem Nichtnutzen des Überseekoffers, der Begriff Reichtum weit von ihnen entfernt. Reiche besitzen Privatyachten und fahren allenfalls mal zum Sonnen vor die Küste von Monaco, Reiche sind auf Milliardärslisten und in Gstaad, Reiche haben Privatjets und fliegen nach Key West, Reiche überwintern jetzt gern mit ihren Butlern in Dubai, oder wenigstens sind sie US-Amerikaner und verkaufen Apps und Startups an Yahoo und Amazon, und werden dafür in den Medien wenig hinterfragt, sondern bewundernd angegafft. Reiche ziehen sich nach dem Ärger mit dem Finanzamt wütend in die Schweiz oder in ihr Schloss am Gardasee zurück, und sie investieren gern auch mal in witzige Geschäftsmodelle wie Skiorte, in denen nur Reiche Zutritt haben. Geld haben, zu den obersten 10 oder 5 oder 1% gehören, reicht da schon lange nicht mehr aus, wenn man sich nicht an diese Stereotypen hält.

Möglicherweise ist das ein Grund für die neuen, internationalen Arten der Geldanlagen, die in den letzten 10, 15 Jahren so stark beworben und im Verkauf durchaus effektiv waren: VIP Filmfonds und Entwicklungscompanien für verfallende Hotels, Telemetriehersteller auf dem chinesischen Markt und bombensichere Lehman-Papiere, was ja nun wirklich kaum zu üerbieten ist, investieren mit einer amerikanischen Investmentbank, rasant wachsende Firmen wie Facebook und Groupon, ohne die heute nichts mehr geht, Baumplantagen in Indonesien mit angeblich 9% Verzinsung, jede Menge Wolkenkratzerbauer für immer mehr Kapital, und optimal aufgestellte Betreiber von Supermarktgebäuden und Freizeitparks in den USA.

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All diesen Angeboten gemein sind in der Regel zwei scheinbar angenehme Kennzeichen für Investoren: Dass der Reiche, der sie entwickelt hat, auf eine weitere Bereicherung durch das Vermögen des Kunden verzichtet, und ihm hilft, sich an anderen zu bereichern. Und ein Geschäftsmodell, das so einfach ist, dass die Kunden es zu verstehen glauben: Mache etwas, lasse andere dafür viel zahlen, werde damit reich. Lässt man komplexe Faktoren ausser Betracht, dann könnte das stimmen: Gäbe es nicht den Wechsel der Nutzer auf Smartphones und eine miserable Werbeklickrate, könnte Facebook wirklich ein bedeutender Ort für Werbung sein. Wären die Schnäppchen wirklich nachhaltig und würden daraus Kunden, könnte Groupon alle reich machen. Wäre der Markt für Supermärkte und Freizeitparks nicht durch die Immobilienblase selbst eine Blase gewesen, hätte man damit bis heute gut Geld verdient.Und nachwachsende Wälder und Solarmodule sind prima, wenn jemand die Produkte kauft und kein ruinöser Wettbewerb stattfindet. Das böse Erwachen setzt immer erst ein, wenn komplexe Parameter dazu kommen, die in der Geschäftsidee erst mal beiseite gelassen werden. Man müsste davon etwas verstehen, aber offensichtlich hat noch nicht mal Lehman verstanden, was da passiert – wie sollte es ein normaler Geldgeber verstehen.

Das ist die Ausrede, wenn es schief gegangen ist. Die ehrliche Antwort wäre aber: Kaufe und mache nur das, waqs Du wirklich verstehst, und wenn Du Dir etwas anderes aufschwatzen lässt: kein Mitleid, keine Gnade. Diese 50-Millionen-Villen in Gstaad sind nur möglich, weil jemand so viel Geld hergegeben hat, oft genug als ahnungsloser Investor, der sich vom Auftritt der Stars beim Filmfonds und der Einladungen zum Galadinner mit dem Projektentwickler hat einlullen lassen: Denn so sollte das Reichwerden aussehen, mit Spass, Luxus und jede Menge Internationalität, die immer gegeben ist, wenn dann noch ein Börsenguru aus den USA auftritt und das alles überdeutlich lobt. Die Epoche der Überseekoffer und der Fabrikbesichtigung ist vorbei, heute macht man das aus der Ferne beim Empfang im besten Haus der Stadt. Man will zumindest ein klein wenig diesem Stereotyp der Internationalen entsprechen, und dafür nimmt man auch 25% Vermittlungsprovision in Kauf, die hereinzuholen, seien wir ehrlich, schwierig wird. Aber dafür war das Essen gut und der Star echt.

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Im allerschlimmsten Fall legte man eine so noble Pleite hin, mit der man sich wenigstens von den feigen Kleinsparern abheben konnte, die daheim mühsam rafften, und es gar nicht erst riskieren wollten. Aber auch dieser exquisite Anspruch ist nun dahin, denn auch der Euro ist heute nicht mehr als ein schwer durchschaubares Anlagekonstrukt. Wenn es nun heisst, man werde in Zukunft auch die Sparguthaben in die Rettungsbemühungen mit einbeziehen, ist so ein Euro auf der Bank eine Sicherheit mit Risiko, und wer vermag schon die Wege der Banken umfassend verstehen? Hätte sich jemand vorstellen können, dass sich die Deutsche Bank – oh welch Überraschung – am Verdacht eines jetzt eventuell teuer werdenden Karusells mit Steuererstattungen oder von Liborabsprachen beteiligt sieht, und wer hätte ahnen können, dass der HypoVereinsbank Vorwürfe wegen komplexer Dividendentricks gemacht werden? Lauter Fallstricke und Risiken, deren Bewältigung, wenn nötig, über die Methode Zypern laufen könnten. Auch das ist eine Form der internationalen Reichtumsvergeudung, die jetzt auch dem kleinen Mann zugänglich gemacht wird. 20 Jahre Altlasten neoliberaler Finanzpolitik. Das klingt für mich, wenn ich das so sagen darf, so vertrauenserweckend wie 20 Jahre Grossmannssucht, Aufrüstung und Kolonialattitüde. Am Ende muss einer zahlen.

Am Ende hat der Schrankkoffer vom W. übrigens doch nochmal eine Reise gemacht: Von der Donau an den Tegernsee, wo er jetzt das warme Winterbettzeug beinhaltet. Darin kann man auch lange, garstige Zeiten gut überstehen. Ich neide keinem sein internationales Flair von Gstaad oder Key West, ich bin zufrieden. Reichtum ist nach meiner Definition die Abwesenheit von Armut, alles andere ist dann nur noch zweitrangig.

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