Ja… ja… ich zerfliesse… ich sterbe
Mirabeau, meine Bekehrung

Sexualmoral war schon immer eine anstrengende und zumeist wenig freudige Veranstaltung; wer etwa in der bildenden Kunst Nacktheit betrachten wollte, musste dazu früher scheussliche Aspekte in Kauf nehmen: Bei Eva die Ursünde, bei Magdalena die Reue, bei Lucretia den Dolch in der Brust, bei der Maria Lactans den Mutterkult und bei Cleopatra den Schlangenbiss. Fragwürdige Gestalten wie Potiphars Weib und Lot und seine Töchter waren schon das Ende der Freuden, nur Kupferstiche durften derber sein. Erst die Renaissance erlaubte auch Nacktheit aus Freude an der Sache; allerdings sollte man nicht vergessen, dass sich selbst ein Boticelli sich später von jeder Frivolität abwandte, und die Lockerheit in der Kunst ein flackerndes Licht bis in die Zeit der Aufklärung geblieben ist. Auf jeden Guilio Romano, Caravaggio und Annibale Caracci kommen Legionen von grausliger Kreuzabnahmepinsler, und so stetig und öde blieb auch die Sexualmoral. Dann kam die Aufklärung.

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Im Film „Musketier mit Hieb und Stich“ mit Jean Paul Belmondo gibt es eine amüsante Szene in den Wirren der französischen Revolution, als ein Monarchist die Chance nutzt und die Frau, die er besitzen will, mal eben schnell von deren Mann vor einem bürgerlichen Standesbeamten scheiden lässt. So einfach war das plötzlich, und der Konterrevolutionär sagt dann auch: Wenn wir mit der Revolution fertig sind, sollten wir diese Einrichtung unbedingt beibehalten“. Denn natürlich war so eine schnelle bürgerliche Scheidung etwas ganz anderes als das lange Elend der kirchlichen Variante. Und so haben es die konservativeren Teile der Gesellschaft immer gehalten: Man liess erst mal die jungen Avantgardisten moralisch fragwürdige Dinge tun, empörte sich darüber, bis man die Vorteile verstand, passte die Moral an und übernahm, was man gut brauchen konnte. Das verarnte Adelstöchterlein will einen Bürgerlichen heiraten? Na gut, er ist reich und wenigstens nicht Heinrich Heine. Eine Frau verlässt ihre Mann und nimmt dessen Kollegen? Ein Skandal! Bis der deutsche Heldenkomponist Wagner seinem Lieblingsdirigenten die Frau nimmt und das deutschnationale Publikum trotzdem weiter in die Opern reingoldet.

Und so hat sich halt vieles geändert. Niemand sagt mehr etwas, wenn man interkonfessionell heiratet – in den 20er Jahren wurde meine Grossmutter noch am oberbayerischen Bahnhof scharf gefragt, was sie denn bei den Protestanten in Franken wollte. Das züchtige Kopftuch war noch in den 50er Jahren auf dem Dorf Vorschrift, wollte man nicht als so eine gelten. Bürgerliche Liebesheiraten sind auch erst seit dem 20. Jahrhundert die Regel, bei Scheidungen und unehelichen Kindern konnte man vor den 70er Jahren nicht auf Tolranz hoffen, und damals schaffte man auch so etwas wie den Kuppelparagraphen ab, der jenen drohte, der Unverheiratete zusammen in ein Zimmer liessen. Und wenn die Tochter dann einen Langhaarigen heimschleppte und es wenigstens kein Kommunarde war, war es auch in Ordnung. Man lernt dazu, oft genug in der eigenen Familie, wo man nicht so einfach diskriminieren kann: Je grösser der Clan, desto schneller arrangiert man sich mit Homosexualität, und bislang warten wir vergeblich darauf, dass der Teufel sich endlich bequemt und amoralische Schandmäuler wie mich holt. Statt dessen haben wir in Bayern einen Gottkön Ministerpräsidenten, dem man seine eigene Familienpolitik nicht zum Vorwurf macht. Weit ist es mit uns gekommen, und es hat Spass gemacht. Auf die jungen, lebenslustigen, alternativ agierenden Leute war Verlass, sie machten den Weg frei, beseitigten Widerstände und brachten die anderen zum Umdenken und Umbeischlafen.

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Eigentlich müsste man sich jetzt nur noch auf ein paar Punkte in Sachen Gleichstellung einigen, und dabei ein paar teure Privilegien für die mehr geschiedene denn heilige Institution Ehe abschaffen, dann hätten wir einen Status erreicht, mit dem vermutlich die allermeisten gut leben könnten, sofern sie sich an sinnvolle Gesetze halten und, wenn sie nicht alle Möglichkeiten ausschöpfen, den anderen keinen Strick daraus drehen, wenn die es doch tun. Es gibt genug andere Sachen, über die man sich aufregen kann: Hass in der EU und Umweltzerstörung, das Bankrottieren ganzer Länder und Staaten, die jede Toleranz vernichten wollen: Man schaue sich nur um, wie in Ungarn mit Randgruppen umgegangen wird.

Dabei steht Ungarn da nicht allein; vor ein paar Jahren kam schon der Bürgermeister von Verona zu überregionaler Bekanntheit, weil er die an sich durchaus saubere Stadt mit seiner Lega Nord nochmal säuberte. Was an sozialen Gruppierungen nicht ins Strassenbild passte, wurde entfernt. Mein Internetcafe in Verona etwa hatte eine immer gut gelaunte Besitzerin aus Afrika und nach der Machtübernahme ein Parteibüro der Lega neben sich: Ganz schnell war es verschwunden. Man fühlte sich, gelinde gesagt, an rechtsradikale Regimes erinnert, aber nicht alle duckten sich weg. Auf der Strasse zwischen dem Gardasee und der Stadt war so eine Art üppiges Freiluftbordell, das der Bürgermeister abschaffen wollte. Wer bei einer Dame anhielt und erwischt wurde, musste eine nicht geringe Strafe zahlen. Woraufhin die Damen ein Zeichen entwickelten, um zu zeigen, sie würden gegen die Vorlage so eines Strafbescheids die Kosten durch Dienstleistung erstatten. Damals waren sie Heldinnen, die sich gewitzt gegen die Säuberung eines Rechtspopulisten zur Wehr setzten. Daraufhin wurden sie Bussgelder so deftig erhöht, dass das Risiko zu gross wurde, und seitdem ist das alles verschwunden. Heute wollen Dänemark und Frankreich auch so eine Regelung einführen. Demnächst sicher auch in Deutschland. Egal, ob die Betroffenen nun von der feministischen Heilslehre gerettet werden wollen, oder unverschämterweise doch nicht. Das ist aber kein Rechtspopulismus. Es ist ein von Linken, Grünen und Feministinnen hoch geschätzes, schwedisches Modell.

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Es kommt ziemlich viel aus Schweden. Dass ich hier auf den Bildern so offen Brüste zeige und Köpfe teilweise abschneide, könnte man mir schwedisch als Sexismus auslegen. Dass ich bei manchen Portraits nicht explizit dazu sage, dass sie eigentlich der Zwangsverheiratung der Frauen dienten, könnte man mir anhängen, man könnte mir einen Strick aus meiner Nachsicht für Dienstleistungskunden drehen und aus dem Umstand, dass ich es überhaupt wage, hier von einer Dienstleistung zu sprechen, und nicht von einer Form der Vergewaltigung und männlicher Dominanz. Ausserdem verwende ich natürlich kein generisches Femininum, ausser um mich über PseudoschwedInnen lustig zu machen, die Wortungetüme wie PiratenzeigenGesichtInnen ernsthaft ins Internet klatschen. In meiner Wohnung ist genug nackter Haut auf Leinwand aus der Zeit vor 1800, um einen ganzen Ausschuss des EU-Parlaments zur Überzeugung zu bringen, dass man sie schliessen sollte, wenn ich hier eine Webcam aufstelle. Und als Sammler pornografischer Literatur des 18. Jahrhunderts in Erstausgaben dürfte es mich auch nicht retten, wenn ich die Erstausgaben der Jesuiten schwenkte, aus deren Moraltheologie ich solche prüden Ansichten auch schon kenne. Wer das für eine leere Drohung hält: Die psychisch labile Schlitzerin, die sich heute diskriminiert fühlt, wenn sich Mann und Frau in heteronormativer Absicht küssen, wird nach dem Genderstudium die nächste Gleichstellungsbeauftragte, mit der man es zu tun hat, alles zugunsten von Gerechtigkeit und Antidiskriminierung natürlich.

Ich bin kein Brüderle und kein Blaubart, ich habe nur ein Faible für die Epoche der Aufklärung, aber ich sehe, was da alles unter dem Stichwort Feminismus alles in die Medien kommt: Reine Provokation wie die Gruppe Femen und ihre deutschen Nachahmer, die Kaperung eines Hackerkongresses, die Echokammer der Aufschrei-Aufschreierinnen, und wenn sie nicht gerade wieder einen Hangover haben, weil keine von ihnen seit zwei Wochen bei Lanz war, drücken sie der Piratenpartei schnell die nächste Sexismusdebatte auf. Es gibt immer etwas zu beklagen und immer eine Bekannte in den Medien, die das aufschreibt. Und je radikaler man die Strukturen in Frage stellt – Stichwort Rape Culture – desto mehr Aufmerksamkeit gibt es. Natürlich können wir nichts dafür, dass dort, wo früher die moralische Eisbrecher waren, jetzt die neuen BigottInnen, VerbieterInnen und ForderInnen genderneutraler Spielsachen auflaufen, für die man nicht früh genug damit anfangen kann, aus dem Kind gleich einen ordentlichen Feministen zu machen. Aber leider müssen wir selbst uns den Vorwurf machen, dass wir uns nie wirklich um das Thema gekümmert haben. Wir wurden ja mitgezogen. Man war froh, wenn wir uns da angepasst haben. Man hat für uns geackert, wir haben die Früchte geerntet. Das war opportunistisch. Aber wir bekamen, was uns gefiel.

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Und jetzt geht es in diesem Diskurs plötzlich darum, was man uns davon wieder wegnehmen kann, weil die neue politische Theorie Freiheit vollkommen anders definiert. Und alles verboten werden soll, was frauenfeindlich und diskriminierend nach den Vorstellungen derer ist, die das zu ihrer Profession gemacht haben. Das wird keine erfreuliche Debatte, nachdem man dort meint, als Opfer nicht erklären zu müssen, was denn nun die böse Tat war (etliche sind da oben im Beitrag). Und dass FeministInnenfeindlichkeit die schlimmste Form von Frauenfeindlichkeit ist, wird sich auch noch als Faktum durchsetzen; das geht dann in Richtung Hostienschändung2.0. Die alten Pfaffen wie Busenbaum stehen bei mir im Giftschrank, aber die Pfaffeministinnen, die in meiner Heteronormativität etwas Unmoralisches und ein Zeichen der Unterdrückung sehen, sind in den Talkshows. Die guten Zeiten, da man der Entwicklung nachzockeln konnte, sind jedenfalls vorbei. Und wenn man die neuen Freuden behalten will, muss man für Freizügigkeiten eintreten, die einen vor 100 Jahren aus exakt jenen Kreisen ausgeschlossen hätte, deren modernes Dasein es jetzt zu verteidigen gilt.

Und weil es so schön ist, gibt es das Gleiche auch noch bei der FAZ.