Die Mutter der Idioten ist immer schwanger.
Italienisches Sprichwort

51.400 Euro. So viel hat laut dem Median der durchschnittliche Haushalt in Deutschland an Nettovermögen. Die eine Hälfte der Haushalte hat weniger, soweit das technisch möglich ist, und die andere Hälfte hat mehr. Mitunter auch sehr viel mehr, denn Deutschland ist nicht wirklich ein armes Land, und all das Vermögen muss ja irgendwo sein, wenn es nicht in der Schweiz, in Panama oder auf Zypern ist. Nun könnte man sagen: Naja, auch 51.4000 Euro ist eine Menge Geld, da muss man nicht verhungern, und der Staat versorgt seine Bürger ja auch mit Wohltaten, die es so in Italien nicht gibt. Hartz IV zum Beispiel ist immer noch Gold im Vergleich zu dem, was die arbeitslosen Jugendlichen südlich der Alpen mitmachen. Aber was in Deutschland natürlich ankommt und diskutiert wird, ist der Umstand, dass der Median bei den Italienern bei satten 163.900 Euro liegt, obwohl dort die Wirtschaft lahmt, und die Banken gestützt werden müssen – auch über deutsche Steuergelder.

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In jedem anderen Land gäbe es an dieser Stelle einen Volksaufstand und wütende Artikel würden gen Berlin schreien, wieso zum Teufel dieses Land zu einer Oligarchie verkommen ist, in der sich Unternehmer Gesetze bestellen können und sich im Westviertel alle am Kopf kratzen, weil sie jetzt doch entdecken müssen, dass man mit ein paar Millionen, die hier jeder irgendwie hat, nicht mehr ganz zum Durchschnitt oder den armen Leuten zählt (und wenn ich ehrlich bin, ich bin auch von meiner Einsortierung höchst überrascht, ich bin doch allenfalls Durchschnitt, 440k für die obersten 10% OMG zwei kleine Wohnungen in München reichen…). Ja, also, man würde also eine Revolution anzetteln, die Wut über die Umverteilung würde explodieren und viele würden verstehen, dass in diesem Land die Mehrheit von einer Minderheit abgehängt wird. Es ist den Lesern dieses Blogs sicher keine Neuheit mehr, dass die sagenhaften Gewinne des Landes vür allem jenen zukommen, die dort wohnen, wo sich andere den Urlaub nicht mehr leisten können; bislang war das aber eher so ein dumpfes „Wo hänge ich mein neues Rokokoportrait hin“-Gefühl: Jetzt steht es da. Und man sollte nach dem Blick nach Italien deutsche Köpfe fordern.

Was aber passiert, ist etwas anderes: In der Süddeutschen Zeitung, einem Blatt, desssen Hauptquartier an Gleisanlagen in einer Gegend liegt, in der man noch nicht mal in Neuperlach wohnt, und das folglich proplebeisch eingestellt sein sollte, wird das Gegenteil gefordert. Wenn die Deutschen zur Hälfte so arm und die Italiener so reich sind, sollten die doch bitte selbst ihre Probleme lösen, und nicht auf die Rettung zu den Lasten der deutschen – sagen wir mal, Submedianisten, das klingt besser als Ärmere – Submedianisten hoffen. Man ziehe, so die SZ, doch bitte erst mal die Reichtümer der Italiener heran. Was die Empörung natürlich weglenkt von dem System, das für die Finanzausstattung der Submedianisten wirklich verantwortlich ist: Die Wirtschaft dieses Landes und ihre Politik und die, die mehr als 440.000 – mal im Ernst, das kann doch nicht stimmen… Aber gut; die reicheren Italiener sollen jetzt ärmer werden.

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Dabei muss man aber noch den Begriff des Haushalts betrachten: Im singlelastigen deutschen Durchschnittshaushalt leben 1,8 Personen, in Italien mit der Familienehre dagegen 2,7. Das heisst, auf Menschen umgerechnet, sieht das Verhältnis schon etwas besser für die Deutschen aus. Und dann ist da noch der Umstand, dass man sich in Italien lieber auf drei Generationen für ein Eigenheim verschuldet, als zur Miete zu wohnen, was in Deutschland die Mehrheit der Bevölkerung tut: Auch so entsteht Vermögen, das sich nachher in der Statistik niederschlägt. Wer sich jetzt noch das Vergnügen macht und in italienischen Zeitungen die dortigen Hauspreise recherchiert, wird schnell merken: 170000 Euro für einen Wohnraum für fast drei Menschen, das wird eng. Sehr eng. Das ist nichts, was irgendwie nach Reichtum aussehen würde. Allein das drittklassige, halb verfallene Haus in Meran Obermais, mit dem ich liebäugle, würde mit Weinberg und 200 m² über eine halbe Million kosten – nackt, ohne Biedermeiermöbel und Gemäldegalerie. 170.000 Euro in italienischen Immobilien ist sehr, sehr wenig, und man kann davon auch nicht abbeissen: Das italienische Gehaltsniveau erzwingt das Wohneigentum nachgerade, denn gerade jüngere und schwächere könnten davon keine Miete zahlen. Ich kenne in Oberitalien Leute, deren Wohnung vielleicht 300.000 Euro wert ist, und sie haben einen Beruf und zwei Nebenjobs, und kommen gerade so durch.

Was diese Zahlen also eher ausdrücken, sind weniger echte Vermögen (ganz ehrlich, unter einer halben Million muss man in Italien wirklich nicht nach Häusern schauen), sondern unterschiedliche Lebensweisen und deren Notwendigkeiten. Man kann in Deutschland mit unserem Mieterschutz prima und ohne soziale Ausgrenzung mieten, damit flexibel sein und auch Gelegenheiten nutzen, die mehr Geld einbringen. Es passt gut zum ungebundenen Leben, und wenn man sich das System der Pflege in Deutschland ansieht, ist es am Ende auch vollkommen egal: Wer nichts hat, den versorgt der Staat, wer ein Haus hat, muss davon die Pflege zahlen, wer neun Häuser hat, eine oder zwei Polinnen, die dann auf dem Tengelmannparkplatz Schrammen in die S-Klasse fahren. Wenn ich über die Autobahn fahre, sehe ich in meiner 18 Jahre alten Barchetta unter all den gewienerten Kisten nicht vermögend aus (Regie? Können Sie das mit den 440k bitte nochmal prüfen? Da fehlt doch mindestens ein Nuller oder zwei), aber diese Leute im neuen A4: Das sind diese durchschnittlichen Leute. Die leisten und leasen sich eben so etwas. Alles eine Frage der Prioritäten.

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Natürlich könnte man nun trotzdem sagen, dass die Italiener an ihre Ersparnisse sollen – und genau das wird mit der allseits verhassten Hausbesitzsteuer gemacht, die viele Neukäufer und ihre engen Kreditrahmen ins Unglück stürzt. Das Vermögen der Italiener ist halt von den Hauspreisen abhängig, und die werden sicher mit dem Andauern der Krise weiter sinken. Keine Sorge, das gleicht sich schon an: Haben die Kinder erst mal den Traum der eigenen Wohnung aufgegeben und wohnen sie bis 40 daheim bei den Eltern, steigt auch die Zahl der Mitglieder im Haushalt, bei gleichzeitig sinkenden Werten. Dann fährt trotzdem niemand einen geleasten A4, und mir kauft dann trotzdem ein Zahnarzt oder ein Russe das Haus in Meran vor der Nase weg: Nur weil niemand etwas gewinnt, heisst es noch lange nicht, dass nicht viele vieles verlieren könnten.

Kurz, der Umstand, dass italienische Haushalte einen höheren Buchwert haben, sagt überhaupt nichts darüber aus, warum in Deutschland schon Leute ab 440k Euro nicht mehr als bitterarm gelten, obwohl sie im 18 Jahre alten Fiats zwischen ihren drei Wohnorten pendeln müssen. Es sagt nichts über die immensen Reichtümer, die an der Spitze des Landes angehäuft und unten vorenthalten werden. Man muss sich wirklich Gedanken um Deutschland machen, und sich fragen, wer hier gewinnt, wer verliert und wer dafür die Verantwortung hat. In Zypern brennt die Luft wegen ein paar Prozent Haircut, die nichts sind im Vergleich zum Ausschluss weiter Teile der deutschen Bevölkerung am neuen Reichtum, denen man nichts nehmen kann, weil sie nichts ausser einem Niedriglohnsektor bekommen haben. Aber das wird einfach so hingenommen. Man kann ja auf die Italiener zeigen und es gemein finden, dass man deren marode Banken sichert.

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Nichts läge mir natürlich ferner, als hier dazu aufzurufen, die Sache wie unter Männern zu regeln. Das wird ohnehin nicht passieren, denn solange die deutsche Einlagensicherung bis 100.000 Euro steht, ist Herr Schäuble der nette Onkel, der die deutschen Interessen gegen böse Mittelmeerländer verteidigt. Kein Mensch macht sich darüber Gedanken, dass diese Interessen bei jenen jenseits dieser ganz sicher falsch berechneten 440k – ich glaub mein Schwein pfeift – sehr viel eigendeutscher sind, als bei jenen, die wenig, nichts oder weniger als nichts besitzen. Eigentlich habe ich da gar keine Interessen, denn es ist alles so wie immer: Man liest diese Zahl, empört sich darüber, sucht Sündenböcke und dann geht alles so weiter wie bisher. Die einen leasen einen A4 und ich bin mir weiterhin sicher, dass das mit den 440k unmöglich stimmen kann, und alle sind wir uns einig, dass das trotz allem immer noch das beste Land ist, das man bewohnen oder, wenn man auf der richtigen Seite ist, kaufen kann. Und wenn es zu viel wird, fährt man eben in Urlaub. Andere haben mehr Vermögen, aber wir sind – sofern wir nicht einen Drittwohnsitz im Ausland haben – Reiseweltmeister.

(Der gleiche Beitrag ist auch in der FAZ)

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