Not my department

Als ich Mitte 20 war, fuhr ich über den Jahreswechsel ein paar Wochen nach Italien, wo die Mutter eines Freundes nahe der Küste einen Turm besass. Unten erstickte man fast am offenen Kamin, aber von der Dachterrasse aus hatte man einen schönen Blick auf Elba. Im Nachbarhaus wohnte ein deutsche Kreativberater, der die meiste Zeit des Jahres hier verbrachte, auf der Dachterrasse nebenan arbeitete, und seine Tätigkeit über das damals brandneue Internet und Fax organisierte. Für die anderen, die mit dabei waren – angehende Ärzte, Betriebswirtschaftler – sah das ganz angenehm aus, aber man sieht das in deren Position und denkt sich nur: Schön wäre es.

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Man kann halt nicht so einfach einen Oberschenkelhals mit der Tastatur zusammennageln, und man kann nicht eine Abteilung leiten, ohne anwesend zu sein. Diese erzwungene physische Anwesenheit muss halt so sein, und man kann damit auch kreativ umgehen und ausgleichen. Das Haus in der Toskana war das beste Beispiel, denn die Mutter des Freundes war Ärztin für einen wirklich nicht schönen und angenehmen Bereich der Medizin, und der Gegensatz zwischen der Freudlosigkeit des Krankenhauses und diesem pittoresken Anwesen hätte grösser nicht sein können. Und natürlich kann man so ein Büro auch schön gestalten; der Trend geht auch hier klar zu Parkett, Stuck und Kronleuchter, sogar in den Zimmern der hilfreichen Geister. Man macht halt das Beste aus der Situation, und ist froh, nicht in der Grossraumbürohölle einem Arbeitsorganisator als menschliches Versuchsmaterial dienen zu müssen.

Ich weiss nicht genau, warum es so ist, jedenfalls kenne ich so etwas immer nur aus den Medien oder Beschreibungen von Leuten, die jemanden kennen, dem so etwas mal passiert ist. Ich kenne allerdings auch viele Geschichten, die ganz anders, wechselvoll und durchaus voller Krisen sind, und an deren Ende – wenn Sie jetzt bei mir wären, würde ich sagen, ach bitte, setzen Sie sich doch, ich bereite uns schnell einen Tee, das muss ich Ihnen erklären, also, ja, das ist also so: Am Ende waren sie so daheim, wie Frauen es früher waren, nur eben ohne festen Partner und mit einer Arbeit, die sie eben daheim machten. Oder warum dachten Sie, dass die Preise für Wohnungen mit 120 Quadratmetern in Bestlage und für Gehöfte im Oberland oder am Staffelsee so hoch sind?

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Das hat meines Erachtens viel damit zu tun, dass diese unsere Gesellschaft einen ganz fatalen Hang hat, auf der einen Seite entsetzlich ungerecht und unfair zu sein, wie man momentan im Armutsbericht der Bundesregierung nachlesen kann, wenn man sich die Fälschungen wegdenkt. Ich mein, ich schreib mir hier die Finger wund, dass ich diese Verteilungsungerechtigkeit auch nicht mag. Ich finde viele Entwicklungen obszön, und die Gedankenlosigkeit, mit der ihnen viele folgen, stösst mich ab. Aber was soll ich machen? Es ist Jammern auf allerhöchstem Niveau. Unter mir donnern die Preise der Immobilien und die Mieten ins Grenzenlose, das ist wie eine gigantische Rakete, an deren Spitze ich festgekettet bin und rufe: Aber… aber… das ist nicht… – das ist vollkommen sinnlos. Es geht einfach auseinander, und ganz unten bleiben ganz viele zurück.

Und auf der anderen Seite meint diese Gesellschaft – vermutlich aus schlechtem Gewissen – im öffentlichen Auftreten gerecht scheinen zu müssen. Früher gab es in Palästen ein karges Wegsystem für die Dienstboten und eine Galerie für die Reichen, für die einen Kienspäne und die anderen Wachskerzen, für die einen feuchte Kammern und die anderen Raumfluchten. Heute müssen Chefarzt und Raumreiniger an den gleichen Kunst-am-Bau-Programmen vorbei über einen Teppich, der nach Haltbarkeitsgesichtspunkten gewählt wurde, und nicht anhand der Feinheit, mit der ihn Kinderhände knüpften. Über ihnen das unendlich öde Licht der Neonröhren, hell, praktisch und alles so scheusslich machend, dass jeder krank aussieht. Man kann das gerecht finden, oder als Heuchelei ansehen, denn bei unserem Gesundheitssystem könnten wir alle Krankenhäuser des Landes mit Seidenteppichen auslegen und mit Kronleuchtern behängen, es würde finanziell kaum ins Gewicht fallen.

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Diese Gleichheit jedoch ist sofort wieder vorbei, wenn man das Haus des Pharmalobbyisten oder des Genpatentinhabers betritt. Auch in solchen Häusern werden Kinder geboren, sie wachsen sort auf und gewöhnen sich recht schnell und formschön an den sie umgebenden Luxus – und man muss auch offen sagen, dass ein Röhrenvorverstärker, den ein Künstler in seiner Werkstatt zusammengefügt hat, natürlich eine moralisch nicht schlechtere Sache als eine in China zusammengepresste Plärrkiste ist. Für solche Menschen ist dann das Arbeitsleben oft ein wenig herausfordernd. Man ist gelaunt, wie man gelaunt ist, wenn man jeden morgen von der Strassenbahn geweckt wird, aber der Abschied von einem Fenster mit einem Gebirge, einer Alm oder einem Bergsee davor kann schon schwer werden. Es gibt Alternativen. Man kennt sie. Und wenn man klug genug ist, fängt man schon früh an, die Karrierewünsche den Möglichkeiten anzupassen. Ich sass da oben mit Blick auf Elba und diesen Berater und dachte mir: Das ist es. Gut, heute sehe ich nicht Élba, sondern nur Rottach-Egern, wenn ich am Strand nachdenke, aber das ist auch nicht schlecht. Und besser als eine Neonröhre.

Kurz, was ich versucht habe und viele andere auch versuchen ist, einer öffentlichen Gerechtigkeit zu entgehen, die der Oberschicht nichts Besseres, sondern nur mehr vom allgemeinen Übel geben möchte. Ich möchte aber nicht zwei Stücke vom Blechkuchen aus der Fabrik, sondern eine einzige Torte vom Wagner, die dreimal so viele Kalorien hat. Generell finde ich es schön, dass sich heute jeder Kuchen leisten kann, aber nicht, dass ich gezwungen werde, den gleichen Kuchen im gleichen System mit der gleichen Blechgabel und ohne Goldrand zu essen. Und das ist der Grund, warum sich so eine Konditorei zum Standortfaktor mausern kann. Weil es noch ein Grund für eine bessere Tochter ist, einen schweren Nervenzusammenbruch zu haben und das Leben neu auszurichten, was, Sie ahnen es, auf dem frisch renovierten Bauernhaus im Oberland natürlich leichter geht, als in Neuperlach oder der Hamburger Hafencity. Es kostet effektiv nichts, denn die Eltern freuen sich, wenn das Kind Gefallen an einer alten Mühle findet, die immer wieder einen Käufer finden wird. Und irgendwelche leichteren Tätigkeiten, die man von daheim aus machen kann, finden sich auch. Wir ziehen das mit der Landlust so durch, wie wir das gewohnt sind: Total und ohne falsche Rücksichten auf Neonröhren.

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Ich sehe in diesem speziellen Landleben so eine Art Abkehr nicht von der Stadt, sondern vielmehr von den Lügen eines Systems. Nichts hat schärfer zwischen Gewinnern im Management und Verlierern der Mitarbeiter unterschieden, als die New Economy. Aber nirgendwo waren die Türen offener und der Stil lässiger. Man belog sich freundlich und verstand sich prächtig, bis die einen Kasse machten und die anderen kostenreduziert wurden, und der alte Teppich gegen einen neuen in der Farbe der Firma verlegt wurde, die es als nächste versuchte. Das kann nicht die Antwort auf die gesellschaftliche Entwicklung sein, wie auch nicht das einheitliche Grau der Behörden. Niemand verleugnet sich gern in der Arbeit, und wenn es die Möglichkeit gibt, dann ist man eben unter Kronleuchtern. Dann sieht der Tag gleich ganz anders aus. Das ist fraglos die Zukunft, zumindest hier bei und, und wir werden viele sehen, die im Wandel und der systembedingten Bereicherung auf etwas noch mehr Geld verzichten, um in Würde zu leben. Wir machen das., ohne uns kleiner ins Neonlicht kuschen zu müssen, und um auf dem richtigen Teppich zu bleiben.

In meinem Fall: Kaukasischer Hochzeitsteppich, um 1920.

Was? Gehört eigentlich ins Museum?

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So sieht es bei mir ja auch aus.

HINWEIS:

Der gleiche Beitrag ist auch in der FAZ, wer will kann natürlich auch dort kommentieren.

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