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Galoppmarsch Prinzregent Luitpold

Der ein oder andere wird sicher die patriotische Meldung gelesen haben, dass eine formschön politsch-ökonomisch passende Studie belegte, wie Fracking ganz wunderbar für dieses Vaterland sei. Und was soll ich linientreu sagen: Selten ein Nutzen, wo nicht auch ein Nutzen dabei ist. Werfen wir nur einen Blick auf die idyllischen Donauauen meiner vielgerühmten Heimatstadt, wo sich heute über einem ehemaligen Sumpf das Viertel ausbreitet, das man das Westviertel nennt und in dem man im Klassismus wohnt. Es wohnen angeblich auch noch woanders Menschen, sie müssen es tun, denn sie kommen an Wochenende vorbeigefahren und bevölkern unseren See, ohne um Erlaubnis zu fragen – aber man kennt sie nicht. Ein hübsches Viertel ist das.

27feb1

Hier wohnen die linientreuen Honoratioren einer bayerischen Kleinstadt, die sich für ein wichtiges Wirtschaftszentrum hält, und dass sie Besitzerin dieser schönen Einbildung wurde, verdankt sie den bayerischen Herrschern, die im 16. Jahrhundert begannen, die Stadt zur Landesfestung auszubauen. Im 19. Jahrhundert wurden hier Unsummen versenkt, die paar lumpigen Schlösser vom König Ludwig sind gar nichts gegen die aberwitzigen Fehlinvestitionen in Festungen, auf die gar nie nicht ein Schuss abgegeben wurde, weder von Breiss noch Franzos oder gar Österreicher. Aber das hatte auch seine Vorteile, denn damit kamen Arbeiter in die Stadt, und die mussten essen, weshalb ein Vorfahr direkt an der grossen Baustelle der Flanderlkaserne ein ehemaliges Jesuitenseminar erwarb, um dort eine Bäckerei mit Brezen2go zu betreiben. Das hat sich gelohnt und auch jetzt schreibe ich hier in jenem Anwesen diesen Beitrag. Und weil so eine Festung zum Zerfetzen, Verstümmeln und Niedermachen anderer Menschen auch Kanonen braucht, wurde hier eine Giesserei eröffnet, mit der für die berühmte Metallindustrie der Startschuss gegeben wurde.

Das Startschiessen machte man natürlich nicht in der Stadt, sondern in der Schiessstätte. Die lag westlich der Altstadt im unfruchtbaren Donautal, und neben den Geschützen der bayerischen Armee übte hier auch die aus Honoratioren zusammengesetzte Bürgerwehr – es sind nur 150 Kilometer nach Österreich und der Breiss war in Frankfurt, man konnte nie wissen. Auch meine Vorfahren schossen gern, und man muss sich das Ganze den Erzählungen zufolge eher wie eine Art Landpartie vorstellen, erst ballern und dann Torte. Natürlich war so eine Ödnis nicht gerade der schönste Platz, also begannen die Damen der Herrschaften, Parzellen zu mieten und zu kaufen, Bäume anzupflanzen und kleine Lauben zu errichten. Das ging bis Anno 14 gut und dann nicht mehr, die Ballerei hörte eine Weile auf, um dann noch einmal von 1938 bis 1945 von der Wehrmacht betrieben zu werden, und dann war endgültig Schluss mit dem Krach und dem deutschen Vaterland.

27feb3

Geblieben sind die Strassennamen Probierlweg und Schiessstadtweg, und natürlich die Grundstücke der Damen. Und als man nach dem Krieg aus der Stadt zog, war es nur natürlich, dass die Honoratioren dort bauten, wo sie fern aller Abgase, die Nase nach Westen in den frischen Wind gereckt und di Petrochemie im Rücken, am Auwald ihre pittoresken Gärten bebauten. Und von dort aus immer neue Flächen in Besitz nahmen, bis zum See, wo es am schönsten ist. All die verschossene Munition hat nichts gebracht, aber darüber kamen die besseren Kreise in einem Viertel zusammen und waren zufrieden. Bis zu jenem Sommertag vor 7 Jahren, als plötzlich Leute auf den Wiesen auftauchten, in Schutzkleidung Löcher gruben, Rohre einbetonierten und hinter Absperrungen und Atemmasken sagten, dass sie nichts sagen könnten und keine Gefährdung der Bevölkerung bestand. So sah das zwar nicht unbedingt aus. Aber wir leben nun mal in einem Land, da man glauben soll, dass Fracking ganz wunderbar für die Nation ist, weil Rohstoffförderung noch jedes Land von Nigeria bis zum Kongo reich und glücklich gemacht hat – vielleicht glauben da auch manche, dass Spezialfahrzeuge des Katastrophenschutzes mit ABC-Ausrüstung hier nur ein Picnic machen.

Nun ja. Das hat hier, zugegeben, auch bei den normalerweise absolut vaterlandstreuen AKW-Freunden keiner glauben wollen, und in dem Viertel, in dem die herrschende Klasse lebt, machte dann auch bald die Runde, dass man eben auf einem ehemaligen Waffentestgelände lebte. Und Recherchen Anlass zur Vermutung gaben, dass die Militärs in patriotischer Gesinnung auch LOST und andere körperlichen Unannehmlichkeiten ausprobiert hätten. Was für den Wert der Bauten in diesem Viertel eindeutig keine gute Sache gewesen wäre, aber, zum Glück, hat sich dann doch herausgestellt, dass nichts im Boden war. Zumindest nichts, was man heute, mit modernen Methoden hätte nachweisen können. Dennoch waren es ganz finstere Tage im Viertel, und das Gefühl, dass da unten etwas sein könnte, das einen langsam vergiftet, das niemand einschätzen kann, das im Grundwasser lauert und die nächste Geburt zu einem Drama werden lässt, diese Gefühl bedrückte die Menschen. Was sollte man tun, wenn es so wäre? Wegziehen? Alles aufgeben? Das Land, die Geschichte, das Leben, die Sicherheit, die so trügerisch war? Man fühlte sich so verloren in der Heimat. Diese Tage gaben mir einen kleinen Eindruck von dem, was passieren würde, wenn nun wirklich ein Konzern ankäme und sagte: Es stört doch sicher keinen, wenn ich für’s Vaterland da in den Boden, wo doch kein LOST war, einen Cocktail mit Salzsäure, Essigsäure, Ameisensäure, Borsäure und Bioziden reinblase?

27feb2

Das gäbe einen Bürgerkrieg in Bayern.

Da würde man ins Armeemuseum gehen und die alten Geschütze doch noch zu ihrem Recht kommen lassen.

Es mag sein, dass unter Bayern gigantische Vorkommen von Schiefergas lagern. Es mag sein, dass sich das alles etwas anders darstellt, wenn man in einer grossen Stadt in einer Mietwohnung leben und in einer PR-Agentur für Fracking arbeiten muss, und ja, auch in meiner Familie gab es Leute, für die man sich schämt, die b’suffa Kohlamone (die dem Alkohol zusprechende Kohlenhändlerin Monika) zum Beispiel, die auch im Bereich Energieversorgung tätig war. Es mag sein, dass sich Fracking ganz nett liest, wenn man sich so eine Broschüre bei einem in Sachen Kosten und Nutzen exakt durchgerechneten, dreigängigen Businessdinner der Gifteindrücker durchliest. Aber es verkennt vollkommen die Ängste und Sorgen der Menschen und Hausbesitzer, unter deren Leben das passieren soll. Mag sich die Union mit der gleichgeschlechtlichen Ehe von den Konservativen verabschieden, so verabschiedet sich der Freund des Vaterlandes mit dem Fracking von den Parteien, die das nach dem Ende der Atomkraft gleich wieder durchdrücken. Auf dem flachen Land gelten andere Gesetze, und man weiss auch, wie sicher und wissenschaftlich garantiert das Atommülllager Asse war: Genauso gut wie Fracking. Wer glaubt, dass Energiekonzerne die Wahrheit über die der Bevölkerung aufgebürdeten Risiken sagen, glaubt auch, dass brutale Massentierhalter Skrupel haben, Billigeier mit einem Biostempel zu versehen.

27feb4

Und weil Politik in diesem Vaterland nicht nur in Berliner Ministerien und Frankfurter PR-Agenturen gemacht wird, und weil man mit solchen Geschichten hier in Bayern traumatische Erfahrungen wie Wackersdorf oder den Transrapid oder die Studiengebühren oder die Gentechnik oder die dritte Startbahn für München hat, macht hier in Bayern die CSU das einzig Sinnvolle: Sie versteht, dass man das Land, das man liebt, nicht mit Säuren und Bioziden ausschäumen sollte, wenn man nicht zur Brauchtumspflege zusammen mit den anderen Brunnenvergiftern im Volkszorn verbrannt werden will. Mit Fracking findet vielleicht die FDP eine Wahlkampfspende, aber die CSU hat alles zu verlieren. Doch, ich finde auch, dass Fracking gut für mein Vaterland ist. Es macht uns deutlich, was Heimat, Verantwortung und Bewahrung der Schöpfung bedeutet, und es wird zeigen, wo die Grenzen der Ökonomie und ihrer Berechnungen sind. Da nämlich, wo die Urängste vor den Brunnenvergiftern anfangen.

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