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Das Pferd von hinten aufzäumen 😉 (@ Hot Dog @ IKEA
Teresaohneh

In den 80er Jahren, während des kalten Krieges und vor dem Sieg der DDR über die BRD, als bei uns noch manche glaubten, wir wären denen überlegen und bei uns würde niemals Plebs mit der Bierflasche in der Hand durch die Stadt laufen – in jener nicht allzu fernen Vergangenheit, als die Haushälterin stets mit drei Gängen frisch kochte, da pflegte uns mein Vater mit drolligen Begebenheiten aus dem Wirtschaftsleben zu erheitern. So etwa mit der Geschichte von Liegenschaften in den USA, die bei Ebbe wie Küste aussahen und bei Flut, wenn sie dann an dumme Leute verkauft worden waren, nach Atlantik. Da haben wir sehr gelacht: Dass Menschen etwas „kaufen”, das man zwar sehen kann, aber eigentlich gar nicht da ist.

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Nun ja. Das war, wie gesagt, noch in der Zeit der Bundesrepublik Deutschland im Süden des Westens, und man konnte nicht ahnen, dass sich diese Sandbänke in Florida auch zu uns ausweiten würden. Natürlich haben wir hier kein Meer und auch keine Riffe, aber dafür Freunde, die nicht müde werden zu berichten, wie bequem das Lesen von Büchern auf dem Kindle ist, einem Gerät der Firma Amazon. Und wie praktisch, schliesslich kann man eine ganze Bibliothek in der Tasche mitnehmen. Kein Bücherschleppen beim Umzug mehr, viel Wissen und Unterhaltung kompakt dabei, ideal für mobile Menschen und natürlich keine Option für mich, der ich mir meine Bücher noch in Papier kaufe und auch in Papier von der einen Wohnung in die andere trage. Und ich gebe zu, dass die Beschleunigung meines Autos schlechter wird, wenn 100 Kilo Bücher an Bord sind, und es dauert – ich habe es ausprobiert – etwas länger, bis ich dann mit 200 km/h an den Tegernsee fahre. Wobei aber auch der üble Schneesturm eine nicht ganz kleine Rolle gespielt haben könnte.

Es kann also sein, dass ich mit einem Kindle 1, 2 Minuten auf 140 Kilometer gespart hätte, und auch die Schlepperei durch drei Zimmer und 40 Meter Hausgang wäre vermeidbar geblieben. Aber ich bin angekommen und die Bücher sind da. Auf der anderen Seite jedoch lese ich, dass Kindlebesitzer nun ihren Amazon-Account löschen wollen – miserable Arbeitsbedingungen stören uns wirklich, wenn sie hier passieren und nicht beim Zusammenlöten eines Kindle im chinesischen Staatsterrorregime – und dabei entdecken, dass sie zusammen mit ihren „Büchern” auch Benutzungsbestimmungen erworben haben. Und die besagen, dass die „Bücher” mit dem Account verschwinden. Es sind nämlich keine Bücher, sondern ein Nutzungsrecht an Daten innerhalb einer Geschäftsbeziehung. Das ist, in alteuropäischem Vergleich, in etwa wie der Unterschied zwischen einem freien Bauern mit Bauernhof und einem Leibeigenen, der jederzeit davonlaufen, aber nichts mitnehmen kann. Nur dass dem Leibeigenen hier lange suggeriert wurde, wie praktisch seine Abhängigkeit von so einem Konzern doch ist.

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Die Geschichte des besseren Bürgertums ist auch eine der Besitzaneignung. Im Mittelalter und in der frühen Neuzeit war es im Kampf der Stände unumgänglich, dass sich die Nichtadligen von den Herrschaften mal mit Geld, mal mit Gewalt oder List Rechte beschafften und dann in Eigenregie verwalteten; darüber wurden sie vermögend und konnten sich in ihrem Besitz eine gewisse Unabhängigkeit und Freiheit erarbeiten. Besitz bedeutete in einer Zeit vor der staatlichen Vorsorge ein relativ abgesichertes Dasein; wer ein Haus hatte, konnte seine Kinder besser verheiraten, und war später auch nicht auf die Kinder angewiesen. Die Entwicklung ging von den stets unsicheren und widerrufbaren Rechten der Bürger hin zum garantierten Besitz und Vermögen. Und heute nun wird uns vermittelt, dass diese Rechte doch eigentlich auch nicht so schlecht sind, sondern durch ihre vom Besitz losgelöste Form auch enorme Vorteile für unser Leben haben.

Zum Beispiel Lehman-Zertifikate, die eben keine Aktien waren, sondern nur ein Recht auf eine Rückzahlung. Gut, nun kann man sagen, dass auch Aktien kein Besitz sind, sondern nur ein Recht auf einen Anteil an einer Firma, den man nicht einlösen, sondern nur weiterverkaufen kann. Insofern sind die Unterschiede nicht so gross, wenn man sein Geld zurück bekommen sollte, oder auch nicht. Und zur Beruhigung muss man sagen, dass dergleichen auch bei Papieren so ist, die Anteile an Immobilienanhäufungen versprechen. Man muss, das ist die tröstliche Nachricht, nicht arm sein und Billiglasagne kaufen, um an Rind zu glauben und ein Pferd zu bekommen. Man hat halt ein Recht auf Rind, aber das mit den Rechten ist immer so eine Sache, mal ist es scheinbar ein Strand, an dem man seine Schäfchen ins Trockene bringen könnte und mal, wenn man es versucht, ertrinkt man an der Untiefe – deshalb hat sich das Bürgertum auch so über Besitz definiert und überlebt.

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Über guten Besitz. Damit ich meine Bücher hier unterbringen kann, benötigte ich einen Bücherschrank, und weil alle anderen familiären Bücherschränke schon gefüllt sind, musste ich einen neuen Schrank kaufen. Meine Wahl ist auf ein 13 Jahre altes, gebrauchtes Exemplar gefallen, das heute die Kleinigkeit von Unsummen Euro kostet, und ganz ehrlich: Lieber schleppe ich nochmal 1000 Bildbände aus meiner Wohnung, als dass ich so ein Monster ein enges Treppenhaus hinunter wuchte. Das Trumm hat es jedenfalls besser als ich überstanden und wird jetzt die nächsten Jahrzehnte Anlass zur Freude sein. Danach hatte ich es mit leicht überdurchschnittlichen Schränken von Ikea zu tun. Die sind auch nicht leicht. Aber ich verstehe das Misstrauen der oben Zitierten: Das Heimtückische an Ikea ist, dass damit Besitz vorgetäuscht wird. Aber „Möbel” kommt von „mobil”, und mein Eindruck ist, dass diese Möbel nur zwei Wege kennen: Vom Möbelhaus in die Wohnung und von der Wohnung auf den Müll. Es ist also auch kein Besitz im Sinne von Dauerhaftigkeit, sondern eher eine Art zeitlich begrenztes Recht, Gegenstände zu haben, in denen sich für eine begrenzte Periode das Leben organisieren lässt, solange die Beschichtung hält und die Dübel nicht ausbrechen. Ein paar Jahre vielleicht, dafür hat man später beim Umzug kein Problem, weil die Möbel einfach entsorgt und ersetzt werden. Dann mietet man eben neue Möbel, bis auch sie vom Atlantik der begrenzten Dauerhaftigkeit überspült werden.

So besitzt man auch das stets neueste Gerät von Apple, und ein Recht, neuere Software zu erhalten, wenn man dafür Daten hergibt. Man hat ein Recht auf Rente in einer Währung, gegen die auch einige marode Banken Rechte hat. Wir erwerben ein Recht auf ein Pflegesystem im Alter, das alles zahlt, wenn wir nichts haben, und weniger, wenn wir selbst etwas besitzen. Der Berliner hat das Recht, mit dem Erwerb einer Fahrkarte auch im Winter befördert zu werden, und der Zeichner für nachwachsende Rohstoffe glaubt, dass sie auch wirklich nachwachsen, weil es sein Recht auf die Natur ist. Der Hersteller meines pfeilschnellen, weltcuptauglichen Rennrodels lackiert auch die billigsten Leihrodel exakt in den gleichen Teamfarben, damit die Wochenendgäste am Tegernsee das Recht haben, sich auf den Mietkisten schnell zu fühlen, wenn sie nicht gerade in jenen 5:34 Minuten auf der Piste sind, in denen das Eis unter meinen Kufen bebt. Das alles sieht immer gut, schnell, bequem, hochwertig und für die Kunden vorteilhaft aus, so dass er sich dabei auch wirklich im Vorteil fühlt, weil es für ihn das beste Verhältnis aus Preis und Leistung zu sein scheint. Das ist die Spieltheorie, ein Anleger hält sich mit Zertifikaten einer amerikanischen Investmentbank für einen Anlageprofi, der Lasagnekäufer sagt sich, dass er jene übertölpelt, die für die gleiche Menge Kalorien mehr bezahlen, der Kindlebesitzer packt alle Bücher ein, das Leben wird besser, schöner, leichter, bis zu dem Moment, da man gezwungen ist, das Recht auch einzufordern. Und zwar so, wie man sich das immer vorgestellt hat.

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Für den Anbieter ist der Profit maximal, wenn er in diesem Moment weit weg und fern jeder Haftung ist – wenn er für vernachlässigbare Rechtsüberlassung viel Besitz angehäuft hat. Wenn er nicht ganz doof ist, wird er die ellenlangen Verträge und vagen Prospekte so ausarbeiten, dass immer ein Schlupfloch für den rechtlich sauberen Besitzübergang bleibt. Und generell sollte es einem schon zu denken geben, warum ausgerechnet jene, die anderen solche vorteilhaften Rechte anbieten, selbst nicht auf einem wackligen Lattenrost von Ikea auf dem Kindle ein Buch über das Rentensystem lesen, während in der Microwelle die Lasagne auftaut. Zum Glück sind sie noch nicht so weit, dass sie wie im Mittelalter allen vorschreiben können, wie wir uns entsprechend der von ihnen gewährten Rechte zu verhalten haben. Aber bei Facebook sind alle Daten, die sie brauchen, um schlüssig zu erklären, warum das für jeden Einzelnen besser so ist. Und bequemer. Man darf das alles von der überteuerten Billigcurrywurst bis zur Haftung für spanische Immobilienkonzerne und zypriotisches Schwarzgeld nicht als Enteignung betrachten, es ist schlimmstenfalls alternativlos, aber zumeist dann doch als die Schaffung neuer Möglichkeiten und Freiheiten. Nie war Leibeigenschaft angenehmer als heute.

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