Wer einer Revolution dient, pflügt im Meer.
Simon Bolivar

Ende der 80er Jahre kannte ich Venezuela nur aus den Erzählungen eines Petrolmanagers, mit dessen Tochter ich mittelgut befreundet war. Wir tanzten zusammen, und da blieb es nicht aus, dass man sich auch bei den Eltern vorstellte. Ich war willkommen, und öfters zu Gast. Er war mit seiner Familie erst vor ein paar Jahren wieder nach Deutschland gezogen, aber sein Herz war jenseits des Atlantiks geblieben. Wir sassen also auf den abgeschnittenen und zu Hockern umgearbeiteten Elefantenfüssen, die er von seiner Betätigung in Nigeria als Andenken mitgebracht hatten, tranken Cola und hörten uns die Geschichten aus diesem Land an, in dem die Deutschen höchst geachtet waren, in dem der rätselhafte Orinoco zwischen Urwäldern plätscherte, und dessen Küsten so unendlich viel schöner waren als die Ufer des Baggersees, an den es ihn nun verschlagen hatte. An der Wand hingen Zebrafelle und Köpfe von Getier mit langen Hörnern. Seit diesen Tagen hat das Wort „Maracaibo“ in meinem Kopf einen mystischen Klang, und den Teufel werde ich tun und mir die Realität dieser Stadt anschauen, deren pittoreske Kolonialarchitektur ich mir formschön einbilde.

Die Tochter des Managers kam mit Deutschland schlecht zurecht, weil man das Land eigenhändig bedienen musste; sie war es gewohnt, bei Tisch aufzustehen und sich natürlich nicht um den Abwasch zu kümmern. In den Ländern, in denen sie aufgewachsen war, hatte sie zwar jeweils die deutschen Schulen besucht, aber daheim ging es eher noch zu wie in Deutsch Südwest-Afrika, mit Bediensteten und Angestellten für alle Arbeiten. Gärtner, Chauffeure, Sicherheitsleute, Haushälterinnen, Wäscherinnen, das ganze Leben war in Venezuela eine Abfolge von Dienstleistungen, die andere unternahmen. Das Leben war geregelt, man musste sich keine Gedanken um aufgeräumte Zimmer machen. Hier nun, an der Donau, war ihr Vater nur ein leitender Angestellter unter anderen, und mähte selbst den Rasen, der sich aber auch nur ein paar hundert Quadratmeter ausdehnte. In Venezuela hatten sie noch ein riesiges Anwesen mit Mauer bewohnt, und niemand wäre auf die Idee gekommen, selbst zu fahren.

Mein Interesse an Wirtschaft war damals nicht sonderlich ausgeprägt – und ist es, seien wir ehrlich, bis heute nicht, ich verstehe davon auch nicht mehr als von unsicheren Javascripten oder ottonischer Sphragistik – aber natürlich wundert man sich in so einer angenehmen Vorstadt am See schon, warum so ein Manager das ganze Leben in Reichtum aufgibt, und nach Deutschland zurück kehrt. Mein Vater erklärte mir, dass es mit dem fallenden Ölpreis zusammenhängt: Überangebot weltweit, weniger Förderung und Gewinne in Venezuela, weniger Bedarf an Mitarbeitern, also zieht man sie ab und bringt sie an Orten unter, wo man sie gerade brauchen kann, und östlich der Stadt, weit weg vom Westviertel, war nun mal die Petrolindustrie mit ihren Raffinerien. Der übliche Mechanismus des Kapitals. Und ich muss gestehen, ich nahm das einfach so als gegeben hin. Weder empfand ich allzuviel Mitleid mit dem Manager, dessen Elefantenfusshocker ich nicht wirklich stilistisch passend fand, noch stellte ich mir die Frage, was wohl nun mit all seinen Dienern und Helfern in Venezuela war. Und hätte ich damals gefragt, man hätte wohl kaum von den Hungerrevolten gesprochen, die damals Venezuela erschütterten. Nach dem Abitur ging ohnehin alles auseinander, und das letzte, was ich von ihm hörte, war der Umzug nach Hamburg in die Konzernzentrale und später, über eine Freundin, den erneuten Aufbruch auf die arabische Halbinsel.

Von Spanisch verstehe ich übrigens noch weniger als von Wirtschaft und unsicheren Javascripten, aber das hielt mich ganz am Anfang meiner Medienkarriere Ende der 90er Jahre nicht davon ab, zusammen mit einem Mexikaner zweisprachige deutsch-lateinamerikanische Nachrichten zu produzieren. Mein bayerisches Naturell, auf Vollgas getrieben und über Salsamusik, passte nicht ganz schlecht zum seinem Maschinengewehrstaccato, mit dem er die Nachrichten herunter r-r-r-r-rat-t-t-t-t-erte. Jedes Mal vor der Sendung sassen wir zusammen, übersetzten die aus dem damals revolutionären Internet zusammengetragenen Meldungen der Woche, und lasen sie über die Mikrophone auf Band, während der Techniker die Musik dazu mischte. Damals lernte ich über Venezuela zwei andere Worte: Exgolpista und Chavez, Hugo Chavez.

In meiner Unkenntnis der realen Lage und meiner Verehrung für Jean-Paul Gaultier fand ich es lustig, dass der Hersteller fragwürdiger Kleidung fragwürdiger deutscher Kleinmanager wie ein Exputschist in Venezuala heisst. Mein Companero dagegen klärte mich dann auf und erzählte, wie es am Orinoco wirklich aussieht; wenn man so will, ergänzte er das ein Jahrzehnt davor gewonnene Bild um die Sicht der Menschen, die beim Niedergang der Petrolindustrie nicht einfach nach Deutschland gehen können. Golpista ist in Lateinamerika kein sonderlich gut klingendes Wort, es hängt zu sehr an den rechtsextremen Freunden des Westens und Verteidigern unserer sogenannten Werte im amerikanischen Hinterhof; der Golpista lässt Menschen verschwinden und foltern, er bereichert sich schamlos und schüttelt Franz Josef Strauss die Hände. Chavez dagegen sei ein Exgolpista, ein ehemaliger Umstürzler in der Nachfolge von Simon Bilovar, der es zuerst mit Waffen und nach einer Haftstrafe mit legitimen Mitteln versucht habe, und nun vor einem demokratischen Wahlsieg stehe. Und so kam es dann, dass wir einmal die Nachrichten verlasen, ich so: Der Exputschist Chavez hat die Wahlen zur Präsidentschaft gewonnen, und mein Partner so: AyayayayayaaaaCHAVEZVITTORRRRRIAAAAHHHHH! Und der Rest der Welt in etwa so: In diesem komischen Land ist jetzt so ein komischer Dicker der Linken an der Macht – noch.

Und heute möchte ich sagen, dass mir Weltpolitik ohne Chavez ein wenig vorkommt, wie Don Camillo und Peppone ohne Peppone. Das heisst, politisch gesehen hat Chavez ja einen Nachfolger, der es vermutlich in seinem Sinne weiter machen wird, und lieber in Gesundheit und Schulen investiert, als in Ferrariwelten, Terrorschulen und Palmeninseln im Meer (via fefe). Aber Venezuela ist nur ein kleines, armes und ausgeplündertes Land, und damit hat sich Chavez als Nachrichtenlieferant ganz schön gemausert. So sehr, dass bei Wikileaks Dokumete zu finden waren, die erklärten, wie die USA unter Bush, der seine erste Wahl erheblich fragwürdiger als Chavez gewonnen hatte, auf die Europäer Einfluss nahmen, dass deren Medien im Sinne der USA berichteten. Ich kann das verstehen: Mit Chavez ging einfach die Epoche zu Ende, da man Cola trinkend auf Elefantenbeinhockern sass, und sich gedankenlos die Geschichten vom Personal in der Lateinamerika anhören konnte. Es ging mit Chavez die Epoche zu Ende, da man Kuba als Sonderfall abtun konnte. Da war plötzlich kein korrupter Selbstbereicherer im teuren Anzug mehr, dem man den Ministerpräsidenten zum Händeschütteln schicken konnte, nur noch so ein lustiger, manchmal auch lustig-böser Dicker, der den Hass der USA und einen Putsch überstand, sich gerne mit den normalen Leuten zeigte, und mit dem Verstaatlichen der Industrie ernst machte – aber dafür auch ordentliche Preise zahlte. Das kann man mögen, oder sich den Platz auf dem Elefantenhocker zurückwünschen. Ja, man kann sogar Chavez vorwerfen, dass es einen Zusammenhang zwischen seiner Politik gibt, und dem Wunsch nach Fracking in meinem Vaterland, um uns von Leuten wie Chavez etwas unabhängiger zu machen.

Ist das übrigens nicht reizend? Wir erlauben, Gift unter das Grundwasser zu pumpen, damit wir etwas autonomer werden. In Saudi Arabien sind Menschenrechte ein Fremdwort, da existieren autokratische Gottesstaaten in der arabischen Welt, die den Widerstand zusammenschiessen lassen, und die jene Schulen bezahlen, in denen der Terror gegen unsere Welt gepredigt wird – aber das sind unsere Freunde. Das Böse ist Chavez gewesen, um den mussten sich die Medien und die Frau Rice kümmern, weil so ein Scheich, der sich mit seinen Millionen eine Villa am Tegernsee kauft, nun mal besser in unser Wertesystem passt, als Chavez, der es anders versuchte. In meiner Beschränktheit kann ich sein Werk natürlich nicht endgültig beurteilen, aber generell denke ich, dass die Epoche des Erdkundeunterrichts auf dem Elefantenhocker vorbei ist. Und das finde ich gut und richtig.

Was also kann man über Chavez sagen? Er hat nicht, wie das bei den Freunden des Westens nicht unüblich war, Menschen, mit Draht gefesselt, vom Hubschrauber aus ins Meer werfen lassen. Er hat gewusst, wie man das System des Westens auf jede Palme vom Orinoco bis zu Hamburgs Benzinhändlertrusts bringt, und man hat das von seinem Land gesehen, was man gar nicht mitbekommt, wenn Männer in teuren Anzügen mit militärischen Ehren empfangen werden. Es gibt wohl kaum jemanden, der heute noch für Deutschland einen Platz an der Sonne fordern und dafür die Herero in Afrika abschlachten würde. Wir sehen die Colonia Dignidad nicht mehr als Aussenposten der deutschen Moral in Südamerika. Wir verabschieden uns gerade von der Epoche der Elefantenhocker. Und in zwanzig Jahren wird man vielleicht auch hierzulande begriffen haben, dass der Exgolpista mit dem lustigen Vornamen besser als die meisten anderen Herrscherfiguren des Kontinents war. Ob er gut war? Ich weiss es nicht, aber ich finde es gut, dass unser System gezwungen war, sich mit Alternativen und anderen Sichtweisen zu beschäftigen. Er war lustig. Das ist schon was.

Heute trinke ich übrigens nur noch Tee, und bin Vegetarier.

HINWEIS:

Auch heute morgen musste ich bei der FAZ wieder echte Kommentare aus dem Spam ziehen – das tut mir alles sehr leid. Man kann und darf und soll dort auch kommentieren, aber hier ist alles einfacher und besser, und nach allem, was ich von dem Jacascript verstehe, von dem ich so wenig oder viel wie von einem verdammt guten Hauptseminar über ottonischer Sphragistik verstehe, ist es hier auch alles in allem sicher.

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